Wissen und Vorstellung um mich herum

Vortrag vom
30.5.2007 in Zürich

Text + Bilder

Seit längerem befasse ich mich mit Installationen und Projekten in Kunsträumen, die mit ephemeren Alltags- und Modellbaumaterialien zusammengestellt sind. Dem letzteren zolle ich grosse Aufmerksamkeit. Die gedankliche Übertragung als visualisierte Metapher lässt mich verstärkt die allgemeine Bedeutung von Modellen hinterfragen. (Anmerkung: Konnte ich als Vierzehnjähriger die Methode „Modellbau“ als belustigende Wirklichkeitsaneignung betreiben – z.B. im Dachstock funktionstüchtige Saturn-Raketen aus dem Weltraum-Programm der 1960er Jahre aus Klo-Papierrollen nachahmen -, so erstaunten mich später Tatsachen und Zusammenhänge, wie durch Modelle Wirklichkeit ersetzt und sublimiert wird.
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In der künstlerischen Untersuchung beschäftigt es mich weniger, sich wirkliche Welten durch Modellbau anzueignen, sondern den Prozess von Erklärung über Modelle, den Zwischenraum von Aneignung und Bedeutung in Form einer gestischen metaphorischen Sprache zu entwickeln.

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Im Feld bisheriger Arbeiten bin ich nicht nur mit der Galerie-, Museums- und Kulturwelt konfrontiert, sondern auch mit Nachforschungen zu verschiedenen philosophischen Auffassungen, Welterklärungen, Weltverbesserungen, etc. Allein schon die Frage, was denn Wirklichkeit und Körper sei, animiert zu wechselnden Äusserungen. Was kann meine persönliche Absicht in dieser Welt sein? Was ist sprachlich vermittelbar und was soll schlicht für sich sprechen? Was muss Intuition bleiben?
Als Zaungast entwickelte ich mein Interesse an Mediengeschichte, Medientheorie und den Bildwissenschaften. Als Zaungast – denn so kann man meine Generation bezeichnen: Wir waren nicht wirklich an politischen Wirren der 1968er beteiligt, haben jedoch vieles an gedanklichem und geistigem Gut aufgesogen; wir sind bereits zu „erfahren“ gewesen, um im Pardigmawechsel zur Wissensgesellschaft ein richtiger Techno- oder Computerfreak zu werden. Wir haben aber mit interpretierendem Auge alle neuen Errungenschaften interpretierend kennengelernt
Deshalb möchte ich folgender Frage, die zwischen Anthropologie, Architektur und Gestaltung einzustufen wäre, nachgehen:

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IN WIEWEIT … verändern sich unsre praktischen Alltagshandlungen durch das digital vermittelte Wissen –
(Google /
Wikipedia /
andere Suchmaschinen) ?

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Wir verfügen über immer weniger Wissen, das über die eigene Motorik erfahren wird. Aber wir besitzen immer mehr Möglichkeiten zur Abfrage und damit zu ungeprüften Antworten als schnelle Abhilfe. Leiden wir unter einem ungewohnten Bauchweh, oder stehen wir als Heimwerker ratlos vor einem technischen Problem: Der erste Schritt geht zum Computer, um mit Hilfe von Suchmaschinen Lösungen zu finden. Der von langjähriger Erfahrung geprägte Ratschlag – oft ohne komplizierte verbale Ausführung vom Arzt resp. Handwerker vermittelt – wird durch unzählige Gebrauchsanweisungen aus dem Internet ersetzt.

Ziel meiner Untersuchungen also soll ein experimentierender Prozess zum plastischen/ räumlichen Arbeiten sein, dessen inhaltlicher Bezug auf digitale Ressourcen zurückgeht.

Wie verändert sich das künstlerische, plastische Arbeiten unter externen, medialen Einflüssen? (Im gleichen Text „Understanding Media“, wo sich der bekannte Satz “ the medium is the message“ befindet, schreibt Marshall McLuhan: Elektromagnetische Technologie verlangt äusserst menschliche Fügsamkeit, Ruhe und Nachdenken wie z.B. Leistung eines Organismus der jetzt sein Hirn ausserhalb seines Schädels trägt und seine Nerven ausserhalb seines Felles.

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Dies gibt mir eine andere Formulierung meiner Frage
INWIEWEIT …
Welchen Stellenwert hat die intuitive, künstlerische Arbeit vor dem Hintergrund des globalen Wissensaustauschs? – Wie sehr wirkt technokratische Abhängigkeit nicht nur stilprägend?

Viele, verschiedene Praktiken sind bereits vorhanden. Noch mehr können wir uns vorstellen. Praktiken, die wie aus Sciencefiction (früherer Generationen) neue Wege weissagen. Z.B. wie in Zukunft Arbeit und Leben innerhalb von kulturellen Wissensräumen aussehen können, etc. Ist im Internet „lebensnotwendige“ Information in kodifizierter Form in unendlicher Vielfalt abrufbar, so werden Vermittlungen und Lösungsangebote über andere Kanäle immer naiver und archaischer. Versprachlichte und legalisierte Konstruktionen werden zur Normen. Immer öfter beschäftigen wir uns mit Kodierungen. Kodierung als Übersetzung von Sprache zu Sprache. Kodierung von Sourcecode zum Interface. Kodierung vom digitalen Befehl bis zu materialisierter Umsetzung.

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Alle Kodierungen sind nicht nur Hilfeleistung / Tool. Sie werden sich verselbständigen, wie Roboter Roboter für Roboter bauen. Allerdings: Die Betrachtung von Verlaufsketten ohne Berücksichtigung „menschlicher“ Glieder – zumindest in Form des Initiators, Nachrichtenvermittlers und/oder Betrachters – bleiben unvollständig.

Das Interesse liegt bei jenem menschlich kulturellen Wissen, das irgendwann in irgendeiner Form vermittelt, abgespeichert, archiviert und allgemein verfügbar gemacht wurde. Dieses Wissen steht in Form von Rezepten und Manuals (Gebrauchsanweisungen) zur Verfügung. Die Neugierde richtet sich auf die Unsicherheit, ob diese Rezepte ein imaginatives (motorisches) Lernen ermöglichen, wie in vergangenen Zeiten die wortlose Geste des Meisters gegenüber dem Lehrling.

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INWIEWEIT also:
Wo liegt der Unterschied zwischen einer lernenden Erfahrung, die sich in der Realität und auch in der Erinnerung an einer direkten menschlichen Geste orientiert und jener Bildungserfahrung, die nur mit informellen, medialen, sprachlichen, eventuell illustrierten Anweisungen übermittelt wird?

Sind wir fähig, eine derartige Abstraktion unserer Realität aufzunehmen und zu einer eigenen sozialen Erfahrung umzusetzen?

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Ich meine: Wenn sich das Erlernbare innerhalb einer bestimmten – digitalisierten – Wirklichkeit befindet und daselbst Anwendung findet, wird es möglich sein, eine direkte Erfahrung zu machen. Muss jedoch eine sprachliche Vermittlung vom einen Raum in den andern übersetzt werden, wird es schwieriger.

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Digitale Medien und das Internet als Ressource zu benutzen erfordert die Übersetzung aus einem textuellen Raum in einen atmosphärischen, materialisierbaren, uns umgebenden, gestalteten.

Die Eindrücke „dieser Übersetzungsprozesse“ sind unendlich vielfältig. Darum werden sie lediglich als Improvisationen zu materialisieren sein, Sie können sich in sozialem, anthropologischen Zusammenhang zu Architekturkonstruktionen verfestigen und über „die Suche nach der gewonnenen Zeit“ neue Räume ergeben (so der abgeänderte Titel Marcel Proust‘s Hauptwerk „ Auf der Suche nach der Verlorenen Zeit“
von 1913-27).

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Was meine ich mit „sozialem, anthropologischen Zusammenhang zu Architekturkonstruktionen“ ?
Die Anthropologie fasst die Wissenschaften und Lehren zum Menschen und über den Menschen zusammen. Je nach geografischem Raum eher natur- oder geisteswissenschaftlich orientiert. Mit sozial / Soziologie wird seit Beginn des 20 Jh. versucht, die gesellschaftlichen Prozesse zusammenzuführen. Architektur ist das Jahrtausende alte Verständnis über den uns umgebenden Raum. Ihre Konstruktion ist die Maquette im Verhältnis zu Zeit.

Sozialer, anthropologischer Zusammenhang zu Architekturkonstruktionen soll gezielt Raumverhältnisse zum Menschen hin aufbauen. Es sind keine Raumgestaltungen ohne Bezüge!

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Eine weitere Formulierung der ursprünglichen Frage wäre also:
INWIEWEIT wird sich unser Lernverhalten mit zunehmender Anwendung digitaler Gebrauchsanweisungen ändern? – Wie werden Ergebnisse dieses „Retorten-Lernens“ aussehen? – Gibt es dem irgendetwas entgegenzuhalten, welches einer eher gestischen, motorischen, unmittelbaren Reaktion gleichkommt?

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Zur Illustration meiner Fragen und Äusserungen habe ich isometrische Skizzierungen abfotografiert – handgezeichnete.

Was ist Isometrie? Sie ermöglicht die dreidimensionale Darstellung von Räumen.

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Bei der normalen Isometrie werden die Achsen nicht zwecks perspektivischer Wirkung nach hinten verkürzt, sondern sie sind immer in einem Winkel von 30 Grad. Gegen hinten entsteht eine Darstellung, die den Gegenstand ohne Verzug präsentiert.

Ich skizziere oft gestische und schnelle Illustrationen gedanklicher Zusammenhänge als Isometrie. Viele Computerprogramme sind lediglich infolge isometrischen Renderings interessant geworden. Sie lassen uns in Gedankenräume eintauchen. Räume, die so – noch – nicht existieren.

Bei isometrischen Darstellungen ist sowohl Akteur wie Betrachter außerhalb des Geschehens; und trotzdem vertrauen wir ihr. Wir vertrauen ihr z.B. beim GPS. Wir sehen die Strasse zweimal, die wir durchfahren. Einmal als Plan, den wir überfliegen und einmal in der Benutzerperspektive. Das interessiert mich! Die Verbindung mehrerer Darstellungen eines Körpers, womit wir uns besser orientieren sollen. Projektionen und Vorstellungen, womit wir uns über gesamte Systeme im Alltag einen Überblick zu verschaffen suchen, faszinieren! Sie stützen sich auf eine Vermengung archivierter, projizierter, vermittelter Informationen, welche wir mit uns tragen und wozu wir das „scaffolding“ („the brain around us“, wie es McLuhan formuliert) immer weiter konstruieren.

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Die Absicht also, einer in Worten gefassten Idee zur Verwirklichung zu verhelfen, wird sich mehr auf das „scaffolding around us“ beziehen, als es uns verständlich erscheint.

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Andersrum betrachtet kann die Abfrage über Suchmaschinen und Online-Enzyklopädien einer zeitgenössischen Orakelbefragung gleichen – die unter Umständen nur eine Selbstauflösung vorhersagt. Woraus besteht das Orakel? Wie ist die Wirkung von rein textlicher Wissensvermittlungen auf jene Praxis, die zu Verkörperung führen soll? Wird der einmal kodierte / kodifizierte Körper seinen Kode verlieren? – Es bleibt offen, wie, wann und wo wir die „Anima“, das Verhältnis von Körper – Leib – Seele hineinlesen können. Auch wenn dieses Suchen mit Unklarheiten behaftet ist, so wird es durch kulturgeschichtliche Zusammenhänge immer wieder neue Gesichter bekommen.

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„Ein Sprechen vom Körper“, so Jean-Luc Nancy (in ‚Corpus‘, Berlin, 2003), „muss sich vom Leib-Seele-Antagonismus lösen; man muss das Gewicht des Körpers, seine Schwere denken, ohne sie zu sublimieren, sie zu spiritualisieren, und man muss die Seele denken als die Erfahrung des Körpers. […]

Die Frage nach dem Körper stellt sich noch immer – jenseits aller ritualisierten, sezierenden oder konstruierten Formeln widersteht der Körper dem Denken noch immer, noch immer denkt er sich “un-endlich”. […]

Thrombosen, Anämien, Hämolysen, Blutungen, Diarrhöen, Drogen, Delirien, Infiltrationen, Verschmutzungen, Kloaken, Brunnen, Kanäle, Schäume, Slums, Megalopolen, Austrocknungen, Verkrustungen, Massaker, Bürgerkriege, Deportationen, Wunden, Fetzen, […] streifen, drücken, stoßen, klammern, kratzen, liebkosen, befühlen, tasten, kneten, massieren, umschlingen, umarmen, schlagen, zwicken, beißen, saugen, loslassen, lecken, wichsen, anschauen, genießen, meiden, küssen, einlullen, schaukeln, austragen, wiegen …”