Realitäten modellieren

Realitäten modellieren

New York, 2001
(Aus dem Englischen)

Folgendes Referat wurde zuerst in Englisch gehalten und jetzt hier ins Deutsche “zurückübersetzt.
(Normalerweise, wenn ich Vorträge in Deutsch halte, versuche ich mit vielen Worten über ein Nichts zu sprechen (ironisch gemeint). Den gleichen Vorgang in einer anderen Sprache zu machen, in Englisch, ist schwierig, denn es ist kaum möglich zu übersetzen. Einige Zeit in New York gelebt zu haben, habe ich erfahren müssen, dass ich nicht wirklich fähig bin, die Bedeutung des Nichts in den angelsächsischen Kulturbereich zu übersetzen, geschweige denn denselben in einer vernünftigen Art vorzutragen. Da besteht eine kulturelle Differenz, die immer an die Oberfläche kommt, wenn man versucht, einen Witz zu übersetzen. Und Witze sind nun mal der Fundus jeglichen Sprachgebrauchs. … Das Verstehen eines Witzes liegt nicht in den Worten, sondern zwischen ihnen. Die Charakteristik einer Übersetzung ist, dass es keinen Raum zwischen den Zeilen gibt. Der eigentliche Reichtum einer Übersetzung liegt im Missverständnis, so könnte ich behaupten.)

Die folgenden Kommentare zu den Installationen betreffen nicht so sehr eine Einführung in das “Nichts”, oder über die Langeweile – wie es Bertrand Russell so schön sagte: Die Angst vor der Langeweile ist genug Grund zu allen möglichen Schandtaten – , sondern vielmehr die inhaltlich-assoziative Absicht, die als formalisiertes “Nichts” die Spielebenen öffnet.

Ich werde als Querschnitt der vergangenen zehn Jahre einige Installationen präsentieren.

1.) 9 Lautsprecheranlagen nach Formationen von entdeckten und – nach Schema – zu entdeckenden Planetennebeln, Wien,1991
Skepsis gegenüber Sentimentalität in einer Kunstarbeit liefert einen Beitrag zur Untersuchung der kommunikativen Systeme. Ob in Installationen die Teilnahme und Wahrnehmung der Besucher dazugezählt werden muss? Ob der Besucher die Arbeit verdaut oder nicht? Einige dieser Wahrnehmungsprozesse können durch Installationen dieser Art ausgelöst worden sein. Doch erstmal wird installativ – und hier ohnehin durch die Fotografie – nur eine einzige, räumliche Perspektive vorgeschlagen. Einem Eingang gleich, der Rest heißt: “in das Bild hineintreten”, als ob man durch einen Spiegel durchgehen möchte. “Alice im Wunderland” fällt einem ein, die große Sehnsucht, als eine absolute Stereotypie, unerfüllt und präsentiert als den Blick der leidenden Eigenschaften, jedoch erfrischend für alle jene, die nur in einer indirekten Art am Ereignis, am Geschehen des Sehens durch die Wiedergabe teilnehmen.

2.) 2 Lautsprechertrauben im Wintergarten, Nassauischer Kunstverein Wiesbaden, 1991
Oben erwähntes könnte verschiedene Installationen charakterisieren, welche anfangs und Mitte Neunziger Jahre realisiert wurden. Die Inszenierung von Angeboten an die Perspektive der Sichtweise, der photographischen Sichtweise, Angebote an die Sichtweise nach innen, jedoch von der Seite. Mehr oder weniger nicht in Panik geratend, dies alles zu sehen, aber zu realisieren, welchen schnellen Blick einen langen Eindruck hinterlässt.
(Die Bemerkungen, vorab, betreffen weniger die inhaltlichen Arbeitsbezüge der Installationen, sondern den Kunstkontext der Präsentation, der selbst eine eigene Sprache spricht. Ausstellungen machen in Galerien heißt auch, die Komplizenschaft der Kunst in ihrer Hegemonie zu akzeptieren; und darüber, wo und wie man das akzeptiert, darauf komme ich später noch zurück). Dies war ebenfalls Teil des Konzeptes, mit dem Bewusstsein des perspektivischen Blickes zu arbeiten, in einer Zeit, wo es keine Zeit mehr gibt, zur Betrachtung und zum Einkreisen einer räumlichen Gestaltung. Ein Eingeständnis an diese sich schnell fortbewegende, zeitliche Entwicklung, bezugnehmend auf die Auseinandersetzungen, Informationen wie im Schlaf aufzunehmen, auch von der Kunst, aufwachend in einer anderen Welt, jedoch nicht die Inhalte präsentierend mit direktem technischen Gebrauch, sondern darauf hinzuweisen als eine Metapher.

3.) La Touche / Circus Band, Chicago, Renaissance Society, 1991
Was ist es nun, zu diesem eher Renaissance-artigen Ausblick auf Installationen in einer Welt, welche ich als “Realität modellieren” betitelt habe? – und wohl verstanden – nicht nur eine Realität zu modellieren, um ein Rohmodell oder einen Plan zu präsentieren, welcher irgendwann in Zukunft realisiert wird! Es handelt sich eher um ein “Interpretationen – Modellieren”, die Bedeutung, die man sich im Kopf zurechtgemacht hat, die Kraft, den diplomatischen Blick zu stärken auf bereits geschehene Dinge.

4.) La Touche / Circus Band , Riverside Studio, London 1991
Nichts kann dadurch diskutiert werden, sondern nur gesehen und aufgenommen als ein umgedrehtes reziprokes Leben, als ob man durch ein Glas, durch eine Vitrine in die Welt schaut. Kunst in dieser Art könnte einen Blick in die Welt hinein geben, während man selbst außerhalb von ihr steht.

5.) Räuberhaus, Swiss Institute, New York, 1993, MfG, Zürch, 1995
(Dokusheet2)
Eintauchen (Das Räuberhaus), eine andere Sicht, eher in eine eigene Fantasie eintauchend von Interpretationen, um die Komplexität eines Verständnisses von Zuständen zu modellieren. So hier: die sich verändernden Finanzmärkte im Postpostkapitalismus betrachtend. Es war Mitte der neunziger Jahre, und alle haben sich daran gewöhnt, dass es keinen andern Markt mehr als den alles umspannenden Kapitalismus geben wird, welcher seinen größten Feind, den Realsozialismus verloren hat, und damit in irgendeiner Weise auch seine eigene Rechtfertigung. Die musste neu gefunden werden! In einer Art implodierender Marktaktivität. In dieser Zeit, sich kurz erinnernd, welches Rumoren durch alle moralisierenden und dualistischen Finanzmärkte ging, und irgendwie war es nie möglich, eine neue, wirklich idealistische Perspektive zu entwickeln. Es war eine kollabierende Perspektive, mit welcher man sehr schlecht umzugehen wusste, eine Art Implosion und dadurch, irgendwie, konnte die Situation nur akzeptiert werden durch ein Verständnis für die Katastrophe als die unmittelbare Unterbrechung regulärer Zustände, als die nicht vorherzusehende Interaktivität, als Umwälzung irreversibler Zeitrythmen mit ihren regulären Werten.

6.) Räuberhaus, Swiss Institute, New York, 1993, MfG, Zürch, 1995
(Dokusheet1)
Durch diese Zeit eigenartiger Korruption in Osteuropa und – auch im Westen – setzte der Plan des Wiederaufbaus der ehemaligen DDR-Regionen ein. Das Räuberhaus ist ein Bild kapitalistischer Perspektive auf eine Zeit, gemessen an einer älteren Umwälzung: Es verweist vom Namen her auf jenes Märchen, wo die Räuber ganz gemütlich um ihr geraubtes Gut im Waldhaus sitzen, sich vergnügen und schließlich von Tieren, dem Esel, dem Hund, der Katze und dem Hahn überrascht werden. Ihre Reaktion zeigt uns die merkwürdigste moralistische Verflechtung: Die Überraschung trieb sie in das unheimlichste Fantasieren über Ungeheuer, und ihre Schuldgefühle ließ sie ihr Raubgut nicht mehr genießen. Der westliche Kapitalismus reagierte in seinem eigentümlichen Triumph in einer schuldbewussten Art, versuchsweise, das Kriegsspiel gegen einen nicht mehr existierenden Feind zu gestalten, ihn als Monster zu deklarieren, welches nicht erobert werden kann, nicht einmal mehr medial.
Auf der anderen Seite: Der allein gelassene Kapitalismus führte zu einem immensen Schwarm von neuen Animalismen und Wahnvorstellungen, welche sich eines anarchistischen Lebens als neue Grundlage von Banditenromantik bediente, um die Loyalität eines sich regulierenden und zu regulierenden Marktes in einer viel offeneren Art definieren zu können.

Räuberhaus ist ebenfalls die Interpretation der Garage jedes Hauseigentümers. Und die Garage ist der charakteristische Freiraum des Tüftlers und Welterfinders, der sich nicht nach den gesetzten Normen richtet, sondern Erfindungen und gemachtes Diebesgut zum Eigentum deklariert.

7.)Fünfzig Modelle von hypothetischen Parkanlagen, gezeigt in drei Vitrinen, Rom 1994
Parkmodelle
Die Sehnsucht des Rohmodells zum Modellieren und die Interpretationen zu Realitäten hat eine andere Sicht auf Kommunikationsräume zur Folge. Als Ebenen von verwünschten Orten, als generelle Wunschvorstellung und soziale Struktur, die sich entwickelt, ja die sich entwickelt hat durch die Geschichte hindurch, aber oft verbraucht wurde, weil mordende Wechsel in der Geschichte stattfinden und dadurch andere Sichtweisen produziert werden. Historische Stücke können als etwas bewundernswertes gesehen werden, als etwas, wovon man etwas lernen kann. Aber in ihnen und mit ihnen zu leben, provoziert eine total unterschiedliche Verhaltensweise. In der Besorgnis um gegenwärtige, historische Stücke vermischt sich das tägliche Verhalten mit Hoffnungen, Beschwörungen und Auratisierungen, die nichts mit dem konservatorischen Blick eines Museums gemein haben. Ja, die historischen Blicke können als etwas gesehen werden, als ob die Zeit durch sie hindurch stieg, und sie sich selbst als sich verändernde Wissenschaft lebendig halten, obwohl sie an gewisse Theorien gebunden sind, die jedoch ab und zu über den Haufen geschmissen werden, um neue Perspektiven zu sehen und zu entwickeln.
Dies alles beeinflusste die Parkmodelle. Wie Winckelmann im 18.Jahrhundert für den ganzen Rest der abendländischen Kultur die Kunst und Technik “auseinanderschnitt”, indem er die antiken griechischen und römischen Skulpturen und ihre Architektur als den einzig wahren und erhabenen Wert deklarierte, und damit die Trennung zwischen angewandten und schönen Künsten, den Belle Arte, und ebenfalls der Wissenschaft mit der Kunst herbeiführte.
Es war die Theorie für die einfachen Leute. Nichts desto trotz, seine Katalogisierung von antiken Kunstfragmenten und die frühere Sicht der Wunderkammer halfen zu einer popularisierten Wissenschaft, welche heute hilft, zwischen Wissenschaft als ein die Welt modellierender Playground und den Schönen Bildenden Künsten mit Aura, gesehen als eine Melancholie zu einer moralisierenden Weltsicht, jedoch höchstens sinnbildlich aufgenommen, zu unterscheiden.
Die Parkmodelle als einfache Sketches sind in Vitrinen ausgestellt, hinter Glastüren, welche den Blick in eine andere Welt führen, als ob wir uns in einem Museum des 19.Jahrhunderts befinden oder in einer Kollektion von merkwürdigen Objekten, nicht gerade glaubwürdig, doch auch nicht seltsam. Der Modellierungsprozess ist nicht so offensichtlich, umso mehr jedoch die Kategorisierung, welche sich klar auf eine bestimmte Zeit von wissenschaftlicher Untersuchungstätigkeit bezieht.
Die Modelle selbst zeigen die Perspektive des unmittelbaren Gebrauchs und der unmittelbaren Entdeckung, des Wunsches und der Sehnsucht, und die entsprechende Referenz auf Bruchstücke humanistischer Bildung, Theorie und Philosophie, über das Leben an öffentlichen Orten. Doch in den Modellen ist kein Zeitrahmen involviert. Ihre Reputation gestaltet sich von der narrativen Rahmenbedingung zur assoziativen Kombination, welche nicht nur an der Gegenwart orientiert ist, aber als Notwendigkeit durch die Vergangenheit in die Zukunft projiziert wird, die aufgebaut werden muss, die bedacht werden sollte, um neue Perspektiven und Möglichkeiten zu entwickeln.

08.)Fifty models of hypothetical parks shown in three virtines, Rome 1994
09.)Fifty models of hypothetical parks shown in three virtines, Rome 1994
10.)Fifty models of hypothetical parks shown in three virtines, Rome 1994

17.)Stadtwände, öffentliche Installation in Dresden, 1995
Modellieren durch diese Blicke führt die Perspektive ein, nicht versucht zu sein, irgendwelche Fakten wiederherzustellen, welche einmal ausgedrückt waren, jedoch die Information und das Wissen als eine präparierende Realität zu nutzen. Restauration von Gebäuden ist ein weiteres Thema, womit gegenwärtiges Leben in sozialer Beständigkeit evaluiert wird. Und normalerweise bringt es keine neuen Perspektiven, außer man akzeptiert die Destruktion im allgemeinen und nicht nur das stetig verheißene positivistisch Neue auf dem Alten sitzend. Archäologische Blicke mögen ihre Wege ins Museum finden, aber die große Frage ist: Wann fängt etwas an, Wert genug zu haben , um konserviert zu werden ?
Stadtwände ist eine Modell-Installation, die zeitgenössischste Vergangenheit von sozialem Wohnungsbau betrachtend: den Plattenbau. In den neunziger Jahren beinahe verdammt zum Untergang, weil sie Zeitzeugen einer anderen Ideologie symbolisierten, die nicht mehr so richtig akzeptiert werden konnte aus der temporären politischen Sicht, Zeitzeugen einer anderen Ideologie, die nicht mehr existiert, oder besser, nicht mehr existieren sollte. Sie sollte verschwinden, ins Vergessen geraten, zumindest für einige der Bewohner. …

Die Plattenbauten in Ostdeutschland, hauptsächlich konzipiert aus vorgefertigten Elementen, die sowohl statische wie raumbildende Funktion haben. Steiff und einmal aufgebaut können sie nicht mehr verändert werden, es sei denn, man zerstört sie total. Die Plattenbaumethode ist die andere Methode neben der Stahl- und Holzrahmenbauweise, die hauptsächlich in den USA für Sozialbauten verwendet wurde.
So fix wie die Struktur bei den Plattenbauten ist, so fixiert ist das Gerüst in der Installation, welches auf die damalige Diskussion der Denkmalschutz-Situation in den neuen Bundesländern bezug nahm. Die Installation verdreht die unmittelbare Lebensgewohnheit in den präfabrizierten Gebäuden, indem sie vorgibt, den Bauprozess abgeschlossen zu haben, bevor das Gebäude fertig ist. Dies als Metapher: Mit der Arbeit fertig sein, bevor man angefangen hat! Ebenfalls eine Wirkungswiese und eine gedankliche Grundlage für die Konzeption eines öffentlichen Werkes. Ein Zeitkollaps der Vision. Doch was bedeutet das?

18.)/2Stadtwände, öffentliche Installation in Dresden, 1995
Die Recherche um eine gesamte bildungspolitische Geschichte führte zur Intention, ein Werk zu schaffen in einer zeitlichen Gebrochenheit.
Zu den Hintergründen: Dresden unterlag nicht nur EINER Zerstörung, sondern mehreren: Dadurch gibt es bereits eine Geschichte des Wiederaufbaus, die sich durch Effizienz kennzeichnet, möglichst schnell einen Status-Quo zu erreichen, ohne die Destruktion wirklich konstruktiv für das Neue zu nutzen.
Und somit lässt der Akt des Wiederaufbaues niemandem Zeit, über das Wie nachzudenken, sondern eher darüber, mit welcher Oberflächlichkeit eine Zeitströmung der Bauweise mit dem bisschen Sentimentalismus für das verloren Gegangene gepaart werden könnte. Dies ist die kontextuelle Situation in Dresden, … und in vielen andern deutschen Städten.
Darum sollte die Installation als unmittelbare Baustruktur bereits die Wohnsituation simulieren, als Fassade in das Gerüst gebaut, und dadurch zur permanenten Fassade werden, diametral: als permanente Baustelle.

18.)/2Stadtwände, öffentliche Installation in Dresden, 1995
(Sicht vom Garten aus)
Etwas anderes passierte zugleich, neben dieser Interpretation von Fassade

19.)Plan, Modelle der Stadtwände
Der Zustand der Zeit wurde in verschiedenen Museen gezeigt. Als Modelle, Stadtfassaden simulierend, konstruierend. Normalerweise standen sie in den Eingangshallen der Museen, bezugnehmend auf eine mögliche, metaphorische Interpretation des Lebens in der Stadt.

Die Modelle

20.)Hygiene Museum

21.)Brühlsche Terrasse, neue Meister

22.)Kupferstichkabinett

23.)In einem Geschäft

24.)Berlin Satellitenschüsseln
Die Form der Sehnsucht nach Kommunikation… nach Neugier, und dadurch, dass die Einheit von Haus und Heim Löcher hat, ganz viele. Sie hat Löcher, diese Haus-Einheit, um rein- und rauszulassen, um Bewegung zu schaffen. Wenn da keine Löcher wären, dann wären es keine Häuser, und die Phänomene der visualisierten und visualisierbaren Erscheinungen wechselt ungemein das Äußere Bild von Funktionalität.
Entsprechend zu Gaston Bachelard’s Beschreibung der Tür (in “Die Poesie des Raumes”) als “gesamter Kosmos zum Halboffenen. Entspricht die Satellitenschüssel der funktionalisierten Erscheinung. “In der Tat, es ist eigentlich das ursprünglichste Bild, der Anfang des Tagtraums, womit Wünsche Versuchungen angehäuft werden…”

25.)Berlin Satellitenschüsseln, Balkon
Eine unglaubliche Abhängigkeit in allen sozialen Situationen von Rohren und Leitungen und Antennen, die Material liefern; Rohstoffe, Energie und Information in und aus dem Gebäude. Und Vilem Flusser beschrieb die Situation folgendermaßen: “Die Antenne, es sind aufgerissene Mäuler zum Fressen des Unvorstellbaren: Und was dann als letztes Resultat dieses Saugens am Unvorstellbaren aus der Kiste (dem Fernseher) herauskommt, sind unbegreifliche Vorstellungen (falsch entzifferte Technobilder). Die Antennen sind der zu Material geronnene Wille, das Unvorstellbare zu konsumieren”
Das Erstaunliche daran ist, dass die meisten Prozesse nicht mehr sichtbar sind. Sie sind verborgen, sie sind virtuell, sie sind nur Rezeption von Strahlung, und diese Tatsache zeigt uns eine beinahe religiöse Abhängigkeit, eine Sentimentalität für die Sehnsucht nach Aufnahme, nach Rezeption, eine Gier.

26.)Balkon in Berlin
Die Parabol Antenne ist sicherlich ein spezielles Zeichen dafür. Und wenn man die Gebäude mit den vorgesetzten “Schildern” anschaut, scheint es, als ob sich da Hände ausstrecken und nach etwas verlangen.

27.)Ganze Fassade des Gebäudes in Berlin
Aber in Wirklichkeit verdecken oder dekorieren die Antennen die Fassade und verdecken die direkte unmittelbare Sicht vor den Fenstern. So gibt es ein weiteres Phänomen zu endecken: Der direkte Blick nach draußen, um die unmittelbare Neugierde zu befriedigen ist durch ein Werkzeug verdeckt – und dies ist wahrscheinlich die richtige Bezeichnung für die Antenne; denn Instrument wäre falsch, da es sich nicht um ein total funktionierendes Ding handelt – und dieses Werkzeug erlaubt uns weiter und weiter über die Strasse hinaus zu sehen, wie ein Teleskop.
Typisch für diese Situation ist die kulturelle Vielfältigkeit, welche überhaupt den Sinn zu einer solchen Ausrichtung hergibt. Die Antennen ermöglichen, mit den Regionen verbunden zu sein, wo die Immigranten herkommen. Durch diese Antennen können sie ihre eigenen Kanäle sehen, ihre eigene Lebensidentifikation, und dadurch ihre kulturelle Rückkopplung erfahren, die via Strahlung entgegengeschleudert wird. Durch die Fenster in ihre Wohnungen an fremden Orten. Kein Wunder, dass diese Werkzeuge unersetzlich sind. Verschiedene Städte versuchten, diese Tatsachen öffentlich zu diskutieren, das Montieren der Schüsseln zu verbieten, ebenfalls dadurch, dass Gesetze erhoben wurden, die eine Demontage rechtfertigen würden. Glücklicherweise aber ohne Erfolg; denn dies hätte die Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit tangiert.
Was also den Architekten, die mit aller Sorgfalt und dem Gefühl für den zeitgenössischen, städtischen Kontext die Fassaden planen, ein Dorn im Auge ist, weil dadurch ihr ganzer Stolz verschandelt wird, ist den Bewohnern Ausdruck lokaler Verbundenheit durch Globalität.

28.)Wasserturm Eutin, 1999 (Dokusheet1)
In der folgenden Installation kamen beschriebene Gedanken zu diesem Phänomenen zusammen. Was an der Aussenfassade zu sehen war, also Ohren oder Augen als Modelle, als Interpretationen zu einer normalen Fassade, zu einem Haus, wie man es kennt, nichts anderes. Hier sind Attrappen von Antennen an einem denkmalgeschützten Gebäude montiert. Dies war insofern symptomatisch, weil weder Nagel noch Schraube verwendet werden durfte, um die Installation auf 15 – 20 m Höhe zu montieren. Es ist ein alter Wasserturm, teilweise noch in Gebrauch, teilweise von einem Kunstverein als Raum für Wechselausstellungen benutzt.

29.)Innen. Die TV Stationen
Innen waren die TV-Känale über Monitoren ausgestrahlt, und zwar jene von fremden Kommunen der Stadt. Die deutsche Kulturidentifikation funktioniert darüber, dass sich alle Immigranten unheimlich anstrengen, sich gegen außen sozusagen “einzudeutschen”, sprich ihre Identität nicht zur Schau zu stellen, oder nur minimal – anders als in Amerika, wo ein regelrechter Ehrgeiz des Beibehaltens seiner ursprünglichen Kultur besteht. Nun wird im Innern des Turmes nichts als das Zeichen fremder Bevölkerungsschichten durch TV-Stationen präsentiert.

30.)Wasserturm Eutin, 1999 (Dokusheet1)
Das Rathaus informierte mich über die Anzahl verschiedener Nationalitäten dieser 30.000 Einwohner zählenden Stadt. Es kam eine Zahl von 70 zustande mit ungefähr einer Gesamtzahl von 1000 Ausländern. Wenig, doch gleichzeitig viel.

Diese Informationen führten dazu, die fünf größten Ausländergemeinden durch eine Fernsehstation in der aufgehängten Traube zu repräsentieren.
Unter ihnen war: Ein Polnischer Sender, ein Arabischer, ein Italienischer, ein Türkischer und ein Französischer.
Die Fernseher waren die ganze Zeit eingeschalten und vermittelten ein permanentes Prasseln von verschiedenen Sprachen, parallel zu dem manchmal hinunterfließenden Wasser in den Rohren. Die Besucher stiegen die Treppe hoch und hatten so die Möglichkeit, die verschiedenen sozialen Hintergründe durch die verschiedenen Fernsehstationen medial zu betrachten. Von unten bis ganz oben.
Leben wurde Wirklichkeit in einem Ausstellungsraum, Leben wie es ist, banal, mit Fernsehern, als Informant und kulturelle Identifikation. In einer gebastelten und spontanen Art montiert, um die Unmittelbarkeit und Notwendigkeit zu betonen, die Gier nach Information und den Fluss der Energie. Der Unterschied zu einer Video-Installation war erst während längerem Betrachten klar. Es war Teil des Konzeptes, dass die Monitoren nichts anderes als die über den Äther kommenden Bilder ausstrahlten. Nichts konnte beeinflusst werden, nichts korrigiert, ein Blick zum Fenster hinaus…ein Blick lediglich in das flimmernde Außen, welches in jeden Haushalt dringt.

Während Teile des Konzeptes eine direkte Verbindung zu einer Äußeren Welt aufzeigen, bleibt die Installation nichts anderes als eine pure Reflexion auf soziale Zusammenhänge.

Solche Situationen, als Realität in Kunsträume übertragen, öffnet einen anderen Blick in die Modellierung von Realität. Eine Interpretation durch Repetition des bereits vorhandenen, und durch die Wiederholung den Raum der Kommunikation ausnutzend.

32.)One life, One-Mile: in Rome, 1997, in Kwangju (Docu-sheet1)
In dieser Signifikanz muss nicht nur die Frage gestellt werden, wer eigentlich die Kunstwerke betrachtet, die irgendwo in einem bestimmten musealen Blickwinkel präsentiert werden, wie ich zu Beginn die aus der Renaissance übernommene Perspektive beschrieb, sondern auch: wer liefert das Material, welches in gewisser Weise – von Künstlern – interpretiert wird? So wurde die Frage sozialer Integration in Kunstarbeiten in vielen sogenannten Social-Studies erhoben, auf die unterschiedlichsten Weisen, jedoch oft mit dem Verlust des einen – der künstlerischen Bearbeitung – oder des anderen – der soziokulturellen Vermittlung. Neue Wege sollten beschritten werden, Wege der Interpretation von “modellierten Realitäten”, wie es eben eine veränderte Beziehung zu dem realen überhaupt möglich macht.

Es ist nicht mehr genug, das Reale nur durch ein Modell zu interpretieren, wie eben die Bedeutung des Modells durch die Medien selbst zum Realen geworden ist!!

Eine neue Annäherung könnte dies sein, dass die Produzenten – oder besser die Lieferanten von zu interpretierendem Material – nicht mehr nur beobachtet und dokumentiert werden, sondern dass sie selbst durch die initiierte künstlerische Arbeit aktiv werden. Und dies nicht als eine Art “do-it-yourself attitude”, sondern als ein Benutzen der Kunst-elitären Situation zum Sprachrohr.
Damit bedarf die Produktion einer künstlerischen Installation – in einer ökonomischen Art – nicht nur der Finanzierung eines Stückes selbst, sondern sie selbst wird Teil eines ökonomischen Prozesses. Die Investition aus den Kunstresourcen selbst in die “Materiallieferanten”, die Untersuchung, wird notwendig und wichtiger, wenn nicht die eigentliche Motivation.
Im vorliegenden Prozess war die Unterstützung in eine Initiative gelegt worden, am Ort der Betrachtung eine kleine Mediengruppe zu bilden, welche mit dieser Hilfeleistung für eine gewisse Zeit dazu animiert war, ihr eigenes Material über sich selbst zu produzieren, oder anders ausgedrückt ihr eigenes Material durch die Kanäle – in diesem Fall der Kunstöffentlichkeit – zu produzieren.
Die Situation war folgende:
Corviale ist ein 1 Kilometer langes Gebäude an der Peripherie Roms, gebaut in den späten 70ern/Beginn 80er. Es war die Imitation der modernistischen Architektur zu jener Zeit, die Sozialbausiedlungen. Riesige Trabantenstädte am Rande der Zentren schossen aus dem Boden. Man glaubte, Probleme gelöst zu haben. 8000 Einwohner zählt diese Siedlung des Corviale

33.)One life, One-Mile: in Rome, 1997, in Kwangju (Docu-sheet2)
Das Konzept war, dass die Einwohner selbst am entstehenden Bild, an der eigentlichen , für den Kunst- und Museumskontext geplanten Skulptur teilnehmen. Somit konnte eine andere Ebene des musealen und sozialen Austausches entstehen.
Die generelle Aktivität des Museums berücksichtigt darin die Situation, die am Ort selbst – und ebenfalls durch die Medien – besteht, repräsentiert durch eine von den Bewohnern selbst initiierten Produktion. Das Museum ist Informations-Lagerraum, wodurch die Möglichkeit besteht, der unmittelbar generierten Information nahe zu stehen, gleichzeitig, wie sie an der Basis bearbeitet wird.
In solchen Konzepten ist es wichtig, dass das System selbst Teil der Kommunikation ist und bleibt.
Was man auf der Dokumentation zur Installation sehen kann: Fünf markierte Eingänge, repräsentiert mit jeweils einem Videokanal gegenüber; die Lautsprecher davon sind selbst im Modell montiert, welches gleichzeitig als Bank für die Benutzer dient, um einen Einblick in das eigentliche Leben im Gebäude zu vermitteln.

34.)Home Running big sheet, Detroit, 1999
Home Running:
Diese Art von Intervention, zwischen Museum, Ausstellungsraum und sozialem, urbanem Raum führte zu einem weiteren Projekt, zu weiteren Gedanken und Intentionen, welche etwas abrückten von dem eigentlich über visuelle Mittel vermittelbaren. Sie bedienten sich eher der Prozesse von Distribution, die Sehnsüchte modellierend, Sehnsüchte des normalen Mittelständlers, der Lebenstraum eines Kleinbürgers als eine stereotype, gesellschaftliche Stimulans.
Einer dieser Sehnsüchte ist der Traum nach dem Eigenheim. Durch die Möglichkeit, in Detroit – als Negativ-Beispiel Amerikanischer Stadtentwicklung – ein Projekt zu entwickeln, habe ich verschiedene Ideen skizziert, welche den Bezug auf Lebensstil und unmittelbare Abhilfe als Dienstleistung in simplen Initiativen beschrieben, weder rein unterhaltend oder ästhetisierend, noch dramatisierend, sondern die direkte soziale Effizienz adressierend.
Der Ausschlag gab eine Geschichte, welche ich in einer Zeitung gelesen habe über eine Person aus einem arabischen Land, ursprünglich jedoch aus Indien, die sich in den Staaten niederzulassen gedachte, mit dem einen Ziel, einer ganz normalen Arbeit im eigenen kleinen Geschäft nachzugehen und sein eigenes kleines Haus zu besitzen. Es war Mitte/Ende neunziger Jahre und durch die Möglichkeiten der Börsenspekulation machte er sein Einkommen eher durch Aktienkauf und -verkauf, also eher durch diese Art des virtuellen Marktes und nicht mit dem sich vorgestellten kleinen Geschäft. Und er entscheidet sich später, seinen Traum, warum er nach Amerika gekommen ist – in das Land eben dieser kleinen Träume – aufzugeben.
Diese Geschichte bildete die Grundlage zum folgenden Konzept: Für ein Projekt in einem marginalisierten urbanen Kontext, die Lower Eastside of Inner Detroit, werden Kunststiftungen angefragt, mit Geld Unterstützung zu leisten, fundraising zu betreiben, um einen Börsenmakler zu engagieren, welcher das gestiftete Geld wieder investiert, die Profite jedoch einer Organisation zum Wiederaufbau des Immobilienmarktes des Stadtgebietes zur Verfügung zu stellt.
Home Running war somit ein Beispiel eines Kunstprojektes, welches nicht mehr an finanzielle Realitäten gebunden war. Home Running versuchte, reale, interpretierende Bezüge zu der damals in unvorstellbare Höhen schnellenden Spekulation der Globalmärkte zu schaffen, indem hypothetisch das virtuell errungene Geld von globalen Börsenmärkten wieder an Grund gebunden werden sollte.

35.)Home Running (Doku sheet2)
Um das Projekt aufzubauen, sind verschiedene Phasen skizziert worden. Eine bestand darin, einen Fragebogen in der Nachbarschaft auszuteilen. Die Fragen betrafen die real vorhandene ökonomische Situation des Quartiers, den Verfall betreffend, welcher mit dem Rückgang der Autoindustrie begann, und wodurch eine Stadtflucht einsetzte, halbverfallende Häuser zurücklassend. Welcher Traum konnte für die zurückgebliebenen wahr werden? Eher sich zusammenraufend in eigenartigen resignativen Haltungen, schien allen klar zu sein, eine ungeheuerliche Investition wäre notwendig, um das Quartier wieder zu beleben und den Marktwert zu heben. Die Antworten waren teilweise träumerisch, jedoch klar und direkt. Die Zettel wurden in den speziell aufgestellten Briefkästen deponiert, welche die Firmensignete der vier großen globalen Unternehmen von Detroit trugen: GM, DaimlerChrysler, Ford und Compuserve.

36.) Home Running, Detroit, 1999 (Dokusheet1)
Die Montage dieser Briefkästen führte zum zweiten Teil: Ein Stück Land wurde erworben. Sinnbildlich zu kleinen Ländern in Europa, welche sich hauptsächlich durch Vergabe von sogenannten “Briefkästen” an große Unternehmen finanzieren, indem dieselben den offiziellen Standort daselbst deklarieren und Steuern bezahlen, sollten die Briefkästen auf dem Gelände in Detroit einen hypothetischen Bezug der großen Konzerne als mögliches Investment in das Quartier signalisieren.
Zur selben Zeit wurden die Public Relation Offices der Konzerne kontaktiert, um ihnen das Gelände vorzustellen: 1. Als sogenannter Steuerabzug, 2. Als lokales Investment.
Diese Vorgehensweise blieb ein symbolischer Akt, und es konnten keine realen Investitionen, obwohl wünschenswert verbucht werden. Jedoch war der Fragebogen bei erstaunlich vielen Bewohnern, welche sich zu neunzig Prozent aus Farbigen zusammensetzen, gut angekommen, indem er als offener Kanal der Meinungsäußerung und der Diskussion über ihre Lebenssituation benutzt wurde. Ihre Mitteilungen: Über den Verfall des Quartiers, die Schwierigkeit, wie alles von möglichen Investoren abhängt, welche als einziges Mittel die Umgebung aufwerten könnten.
Auf dem Grundstück selbst sind transparente Banner montiert worden, welche einige markante Äußerungen über die Hausbesitzer der Öffentlichkeit und vor allem den Passanten mitteilten. Dies mit der Intention, zumindest über die wenigen Blocks eine Attraktivität zu bewirken. Man musste davon ausgehen, dass in solchen Quartieren das politische Bewusstsein nicht über Aktivität, sondern über eine individualisierte Eigendynamik zum Ausdruck kommt. Höchstens über die Kirchen sind gewisse Diskurse möglich.
Die Pamphlete thematisierten also die Entwicklung der postpostmodernistischen Stadt sowohl für Künstler, Architekten und Stadtplaner. Kritisch über den Stop des durch ökonomische Abwanderung verursachten Verfalls nachdenkend und gleichzeitig zukünftige Planungen vorschlagend.

34.)Home Running big sheet, Detroit, 1999
Das Projekt beschreibt das System-Modellieren von Fakten und Tatsachen der späten 90er, eher nicht visualisierend als vielmehr ein Realitätsbezug herstellend, der selbst neu definiert werden muss – ohne Museumsbezug.
Die eigentliche Perspektive wurde nur durch eine Skizze angedacht in der dritten Phase: Die Konstruktion eines Gebäudes durch die Börsengelder: Eine Bibliothek oder ein Nachbarschaftsmuseum. Es wurde – oder besser: ist natürlich – noch nicht realisiert. Dies wäre zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht sinnvoll gewesen, da es den romantisierenden Aspekt zu stark betonen und somit die Marginalisierung weiter vorangetrieben hätte.

37.)1Site-2Places (Doku sheet1)
Als eine Fortsetzung von Home Running wird seit einem Jahr ein Projekt in Sindelfingen/Stuttgart und Detroit geplant. Sindelfingen, eine kleine Stadt am Rande Stuttgarts, ebenfalls abhängig von einer einzigen Industrie: DaimlerChrysler. Die Möglichkeit ergab sich, die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten dieser beiden Orte durch kulturelle Prozesse einander gegenüber zu stellen. Eine erste ankündigende Präsentation fand im November 2000 statt und zur Zeit geht die Planung dahin, im Herbst/Winter 2001 Projekte von verschiedenen Künstlern an beiden Orten zu planen. Die Idee besteht darin, dass die Projekte einen realen Standort haben in einem der Orte und gleichzeitig im andern als medialer Teilbereich zugänglich sind. Der Aufbau Bedarf z.Z. eines langen Prozesses von Kommunikation und Beteiligung der eingeladenen Künstler.
Verschiedene Institutionen sind beteiligt: Institut für Weltwirtschaft in Kiel, die Muthesius-Hochschule, University of Detroit Mercy, Kunst+Projekte, Sindelfingen/Stuttgart und – ebenfalls – Detroit Institute of Arts. Durch diese Beteiligung wird das Projekt zu einer allgemeinen Untersuchung soziokultureller wie auch wissenschaftlich-ökonomischer Aspekte. Die Idee ist, nicht nur bestimmte Konzepte oder Projekte auszustellen, sondern im Kontext zu produzieren und Variationen notwendiger Schritte zu unternehmen, welche in der heutigen sozialen und ökonomischen Abhängigkeit andere Bezüge herstellen. Ein weiterer Schritt wird zu späterem Zeitpunkt die Gewerkschaften involvieren.

Als Einführung in das Projekt wurde im Herbst 2000 folgender Text veröffentlicht:

38.)jpg of Gallery views 1
Durch die Industrialisierung haben sich monotypische soziale Umgebungen gebildet. Dies im besonderen durch die Automobilindustrie im zwanzigsten Jahrhundert, welche Wohlstand für gewisse Gebiete bedeutete, und welche den Aufschwung und Fall von Städten bestimmten, die von diesem Markt abhängig waren.

Durch die Tendenz der Zusammenschlüsse von Konzernen zu noch größeren Konsortien, mehr und mehr losgelöst von lokalen Ökonomien, hat sich die Identifikation mit dem lokalen Arbeitsplatz verändert. Plätze, örtlich weit voneinander entfernt, haben auf einmal mehr miteinander gemeinsam. Trotzdem ihre soziale Struktur mag ganz verschieden sein.

Mit dieser veränderten Wirklichkeit von lokalen und globalen Verbindungen befasst sich das Projekt “One Site – Two Places” (Ein Ort – Zwei Plätze). Es versucht ein Beispiel von verbundenen/nicht verbundenen Plätzen darzustellen. Zwischen zwei Städten, deren Verbindung hauptsächlich die ökonomische Beziehung ist, nicht direkt, doch durch die Situation eines großen Konzerns und dessen Produktion.

Sindefingen, Deutschland, und Detroit, USA: In beiden Städten finden wir Produktionsanlagen von Daimler-Chrysler.

39.)jpg of Gallery views 1
Sindelfingen, eine kleine Stadt südlich von Stuttgart, mit der Wurzel im Mittelalter! Detroit, die boomende Stadt der 20er und 50er Jahre (Motown), seit einigen Jahrzehnten verfallend infolge zu langer Abhängigkeit von großen Konzernen, zeigt neue Stadtentwicklungen mit Auslagerung ganzer Quartiere.
Zwei urbane Situationen, absolut unterschiedlich, hängen von denselben Lebensbedingungen ab in einer – irgendwie – physischen Art. Politische Strukturen sind als ökonomische Strategien eingebunden, welche die kulturelle Entwicklung unmittelbar beeinflussen.

Gründe genug, um in einem künstlerischen Kulturprojekt einen hypothetischen Vergleich zu starten, eine Abwägung sozialer, kultureller, ökonomischer Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten. “One Site – Two Places”
wird kulturelle Situationen verbinden und trennen. Das Projekt wird einige aktuelle Fragen zu den sozialen Bedingungen innerhalb lokaler und globaler Situationen stellen.

In der ersten Präsentation im November 2000 werden verschiedene Ideen als kontextuelle Kunstprojekte für Sindelfingen – und auch Detroit – vorgestellt, welche im Jahr 2001 zu einer Realisierung kommen könnten.

40.)1Site-2Places (Doku sheet1)
jpg of styrofoam model

Quintessenz:
“Skulptur machen”, modellieren, so in diesen Kommentaren zu verschiedenen Installationen – beinhaltet nicht so sehr das Dargestellte, was man als Individuum im Sinne hat, sondern eher, was man in eigener Interpretation zu den kontextuellen Situationen äußern kann. Hierin versteht sich die kontextuelle Situation auch als Erweiterung der rein räumlichen. Die Kommunikation und ihre Rezeption wird als einziges irgendeine Form abgeben.

Je mehr das Modellieren komplexe Zusammenhänge von Realitäten interpretiert, je mehr wird die eigentliche Darstellung minimalisiert, repetierend, um die Faktizität als eine Hypothese der realen Unterstützung durch die Kunst abzugeben.

Unvorstellbarkeiten modellieren heißt, sich der unendlich verschiedenen Bezüge bewusst werden, gleich unvorstellbaren Apparaten, Monstern.
Andere Aspekte der Visualisierung werden in eine Welt voll mit Bildern gebracht. Eine Welt der Bilder, deren Bedeutung sich mehr und mehr erübrigt. So wie die Bilder die Identifikation verlieren, gewinnen die Monster, als absolute Irrealität durch die Medien kreiert, an aufrichtiger Wahrheit. Nur – wirklich sichtbar werden sie selten sein …