Projekt und Wahnsinn

– ein Gespräch mit zwei Büchern – (1)

September 2003

hannes brunner:
… Die subjektive Haltung gegenüber dem zu entwickelnden künstlerischen Werk tritt zurück und das Verhältnis des Kunstwerkes zu gesellschaftlichen, sozialen Kontexten rückt nach! Nur ganz selten ist es vertretbar, die individualisierte Sichtweise in einer stereotypen Öffentlichkeit alleine zu zeigen. Das Subjekt, vor allem das in der Kunst handelnde, wird sich aus gesellschaftlichen Zusammenhängen beweisen müssen, bevor seine persönliche innere Haltung gegenüber einer Außenwelt Bestand haben kann. Eine Haltung des sich entwickelnden Subjektes beschrieb Vilém Flusser als Subjekt zum Projekt hin, zu dem eigentlichen »vor sich hergestellten«. Die zuvor bestehende Ausgangslage erscheint als Kodifikation durch allgemeine Gesetze. Jacques Derrida beschreibt »die Welt als Text«, Marshall MacLuhan sieht sie ebenso wie das »sich um uns herum befindende Gehirn«.

vilém flusser:
… vom Projizieren:
… Die Renaissance hat eine außerordentlich unbefriedigende Umformulierung der Frage nach der Freiheit angerichtet; und das haben wir an ihr auszusetzen. Aber was haben wir ihr entgegenzusetzen ? Den sich immer mehr verdichtenden Verdacht, dass Gesetze – seien sie göttlich oder natürlich – von uns selbst aufgestellt wurden. Dass wir gar nicht Subjekte der Gesetze sind, sondern deren projekte. Dieser Verdacht erscheint in der folgenden Frage: Wie kommt es, dass die Gesetze nach den Regeln menschlicher Codes gebaut sind? Warum befolgt »Du sollst nicht töten« die Regeln der deutschen (oder hebräischen) Grammatik und der freie Fall die Regeln der Arithmetik? Sieht nicht alles so aus, als hätten wir selbst die Gesetze kodifiziert, sie dann projiziert, um sie mittels Offenbarung und Entdeckung wieder zurückzuholen? Sollte sich dieser Verdacht noch verstärken, dann wären wir tatsächlich »postmodern« geworden. Neuzeit: Die eine Tendenz baut schrittweise den Glauben an die Solidität der Dingwelt ab, die andere den Glauben an die Solidität des Subjekts in dieser Dingwelt, und diese beiden Tendenzen beginnen gegenwärtig aufeinanderzustoßen. […] man hat begonnen, die psychischen Prozesse – nicht nur Wahrnehmungen, auch Empfindungen, Wünsche, Urteile, Entscheidungen usw. – zu analysieren.

brunner:
… Wir sind also selber Projekte, hinausgeschleudert! Losgelöst von einer vermeintlich allgemeinen Basis-Situation! In der Kunst wird das Projekt die Betrachtung unserer Situation hinausweisen. Eine neue Interpretation, ein Supplement, ein neues Sehen von nicht mehr ganz dingfest gemachten Dingwelten. Das Vorhaben, als Projekt definiert, schleift sich nicht an der Reaktion einer Allgemeinheit, die sich zu dem Gemachten äußert, sondern an dem aus sich selbst heraus Geschaffenen. Zusammenhänge werden damit uminterpretiert und neu verwertet. Die Akzeptanz der Bodenlosigkeit, die man dabei feststellt, wird zur neuen Ressource.

michel foucault:
… Der Wahnsinn war im Grunde nur in dem Maße möglich, wie es um ihn herum diesen Freiraum, diesen Spielraum gab, der es dem Subjekt erlaubte, die Sprache seines eigenen Wahnsinns zu sprechen und sich als Wahnsinniger zu konstituieren. Die fundamentale Freiheit des Irren, die Sauvages in der Naivität einer erstaunlich fruchtbaren Tautologie als »die geringe Sorge« bezeichnete, »die wir dafür tragen, nach der Wahrheit zu streben und unsere Urteilskraft zu entwickeln«. […] Das ist die Macht des Wahnsinns: jenes verrückte Geheimnis des Menschen auszusprechen, dass der Endpunkt seines Falls sein erster Morgen ist, dass sein Abend sich in seinem jüngsten Licht vollendet, dass in ihm das Ende ein Neubeginn ist.

brunner:
… Also wird mit der Feststellung des Wahnsinns die Entscheidung des Sich-selbst-überlassen – Seins akzeptiert ? Also ausgesetzt sein, nicht mehr nach den Gesetzen handeln, die einen zum Projekt machen ? Oder bestünde eine kleine Möglichkeit, sich auf die neue Identität des individualisierten »Projekt«machers einzustimmen? Wahrscheinlich ja ! Sofern wir die Gesetze, die uns zu Projekten machen, als dem Subjekt überlassene Relikte interpretieren. Dann können wir zumindest zeitweise, ähnlich der dem Irren einberaumten Freiheit – neue Realitäten schaffen.

foucault:
… Die Sprache des Wahnsinns entsteht von neuem, nun aber als lyrischer Ausbruch: als Entdeckung, dass im Menschen das Innere auch das Äußere ist, dass extreme Subjektivität mit der unmittelbaren Faszination des Objekts in eins fällt, dass jedes Ende für eine hartnäckige Wiederkehr bestimmt ist. Eine Welt, in der nicht mehr die unsichtbaren Gestalten der Welt durchscheinen, sondern die geheimen Wahrheiten des Menschen.

brunner:
… Wäre erstmal unserer Vorstellung abhanden gekommen, dass sich im Wahnsinn die innere Welt nach draußen wendet, dann werden Gesetzmäßigkeiten bis in ihre Grundfestungen hinterfragt. Objekt und Subjekt fallen zusammen und verändern den Blick auf Sinnfragen.

flusser:
… Die moderne Psychologie und Existenzanalyse – beginnend mit Freud und Husserl – legen nahe, dass wir keinen harten Kern haben (oder kein solcher Kern sind), mit dem oder in dem wir uns etwa identifizieren könnten. Dies macht einen Sturz ins Bodenlose unvermeidlich, wobei diese Bodenlosigkeit nicht nur mit »Absurdität«, sondern ebenso mit »verantwortungslosender Vermaßung« gleichzusetzen ist, wie die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zeigen. Mit dem notwendig gewordenen Aufgeben eines Glaubens an »Geist«, »Seele« und überhaupt an eine »individuelle Identität« geht alles, was bisher »menschlich« genannt wurde, verloren. Demnach ist der noch immer vorherrschende Kulturpessimismus nur allzu verständlich. Entgegenzuhalten ist ihm jedoch, dass er die gegenwärtig ansetzende Wendung der Praxis aus dem Abstrahieren ins Konkretisieren nicht mitmacht. Nicht etwa, als ob er diese Wendung ins Projizieren nicht sähe. Aber er sieht in all diesen Projekten – angefangen bei den Fotos bis hin zu den futurisierenden Szenarien und darüber hinaus – nichts anderes als Symptome für den Sturz ins Bodenlose, ins Absurde und in verantwortungslose Vermaßung. Der nur allzu verständliche Kulturpessimismus macht die Kulturkritiker blind fürs Neue.

brunner:
… Allerdings: Wie kann das Projekt die Annäherung, die vom Subjekt zum Projekt hin vollzogen wird, in der Öffentlichkeit verständlich zeigen? Wenn die Wendung der Praxis vom Abstrahieren – also Gegebenheiten lediglich interpretierend – ins Konkretisieren schwer nachzuvollziehen ist ? Abstrahieren heißt, sich über komplexe Zusammenhänge ein verallgemeinerndes Bild zu machen. Mit Konkretisieren meinen wir doch präzisieren, und wenn auch die Ausgangslage einer synthetischen Situation entspricht?

flusser:
… Wir denken nicht mehr nummerisch, sondern in diesen »synthetischen« Codes (für die wir noch keinen Sammelnamen haben). Dieses unser Umdenken wird von den Kulturpessimisten als Rückfall ins bildliche, magische Denken gedeutet. Aber darin sind sie im Irrtum. Soweit sie überhaupt den Namen »Bild« verdienen, deuten die neuen synthetischen Bilder auf die Gegenseite der hergebrachten: die alten Bilder bedeuten die Dingwelt und/oder das Subjekt dieser Dingwelt, die neuen bedeuten Gleichungen, Kalkulationen. Die alten Bilder sind Abbilder von etwas, die neuen sind Projektionen, Vorbilder für etwas, das es nicht gibt, aber geben könnte. Die alten Bilder sind »Fiktionen«, »Simulationen von«, die neuen sind Konkretisationen von Möglichkeiten. Die alten Bilder sind einer abstrahierenden, zurücktretenden »Imagination«, die neuen einer konkretisierenden, projizierenden »Einbildungskraft« zu verdanken. Wir denken also nicht etwa imaginativ magisch, sondern im Gegenteil, einbildend, entwerfend. Der Begriff »Entwurf« ist seit Heidegger in einem neuen Sinn in Umlauf gekommen. Er bedeutet bei ihm ungefähr jenen Punkt, an dem wir uns entscheiden, unser Geworfensein in die Welt umzukehren, uns zu entwerfen. Das ist ein tiefer Einblick in unsere Lage.

brunner:
… Die Deutung unserer codierten Bilderwelt ist komplex und nur noch an der Oberfiäche fassbar. Die Scheinwelten lassen eine Vielzahl von Interpretationen offen, und verweisen doch nur auf die Entrücktheit und die dahinter verborgene Bodenlosigkeit. Sollen wir uns denn von der faszinierenden Vorstellung leiten lassen, uns selbst als Entwurf und Projekt zu verstehen, um aus der damit verbundenen »Einbildungskraft zu konkretisieren«?

flusser:
… Das Zurücktreten des Denkens von der Linearität in die Nulldimensionalität bietet ihm Abstand von sich selbst: Es wird sich selbst kritisch. Das kommt zwar bei Kant deutlich zu Wort, aber die Folgen dieses Abstands werden erst gegenwärtig fühlbar. Das Subjekt wird sich selbst zum Objekt, und zwar in allen seinen Parametern. Der Mensch wird kalkulierbar, nicht nur als physische und physiologische, sondern auch als mentale, soziale und kulturelle »Sache«. Alle seine Parameter werden analysierbar, in Punkte zersetzbar : die Wahrnehmungen in Reize, das Verhalten in Aktome, die Entscheidungen in Dezideme, die Sprache in Phoneme, die Kulturen in Kultureme. Die vorher als Prozesse angesehenen (und daher reifizierten) menschlichen Phänomene wie Imagination, Urteilskraft, politische und wirtschaftliche Macht, ja selbst der Geschlechtstrieb und der Geltungstrieb zerfallen in Elemente. Seltsamerweise wird dieses Zurücktreten des Subjekts von sich selbst zuerst als eine Verherrlichung des Individuums verstanden.

brunner:
… Weil wir auch nur Fragmente wahrnehmen, deswegen verherrlichen wir und meinen das ganze Individuum. Es ist problematisch, dass die Chance ungenutzt bleibt, offen für neue Zusammensetzungen der Analysen und Fragmentierungen zu bleiben. Wahrscheinlich fehlen uns dazu entscheidende Kategorien und Stichpunkte, unter denen wir uns sehen könnten, die wir aber selbst verworfen haben.

foucault:
… Der Wahnsinnige ist nicht mehr der Unvernünftige oder Verrückte im geteilten Raum der klassischen Unvernunft; er ist der Entfremdete bzw.Geisteskranke in dermodernenFormderKrankheit. In diesem Wahnsinn wird der Mensch nicht mehr gesehen, als wäre ihm die Wahrheit absolut entzogen; hier ist er seine Wahrheit und das Gegenteil seiner Wahrheit. […] Der Wahnsinn ist dem Menschen zur Möglichkeit geworden, sowohl den Menschen als auch die Welt abzuschaffen – und sogar jene Bilder, die die Welt zurückweisen und den Menschen deformieren.

brunner:
… Allerdings: Solange wir den »Wahnsinn« als einen dumpfen Schrei aus dem Innern verstehen, bleibt er fern von der Welt, die eigentlich nicht abzuschaffen ist. Es sei denn als textuell codierte Formel. Der Wahnsinn bleibt Faszinosum auf Zeit, in welcher alles möglich wird und nichts mit nichts und doch alles mit allem zu tun hat. … Die Abschaffung des Menschen und auch der Welt ist ein schleichender Prozess in unseren Äußerungen und Kommentaren. Gleichzeitig formiert sich dadurch die Welt und der Mensch neu. Deswegen sind die aus dem Projekt heraus entworfenen Dekonstruktionen Ansätze zu gesellschaftlichen, befristeten Konfrontationen, womit wir die Möglichkeit zur Äußerung neuer Wahrheiten nutzen können.

foucault:
… Der Wahnsinn ist der absolute Bruch mit dem Werk; er bildet den konstitutiven Moment einer Abschaffung, der die Wahrheit des Werks in der Zeit begründet; er umschreibt seinen äusseren Rand, die Linie des Zusammenbruchs, das Profil gegenüber der Leere … Der Wahnsinn ist nicht mehr der Raum der Unentschiedenheit, in dem die ursprüngliche Wahrheit des Werks durchzuschimmern drohte, sondern die Entscheidung, von der aus es unwiderruf lich aufhört und die Geschichte für immer überragt.

brunner:
… Unüberschaubar gewordene Verflechtungen globaler Informationen wirken ebenfalls leer ! Sie täuschen Erfahrung mit immateriellen Erscheinungen vor und setzen sich als gelebte Weisheit fest. Das können wir sogar als individuelle Macht einsetzen ! Nicht mehr Sehnsüchte nach Besserung oder Begeisterung für Neuigkeiten sind entscheidend, sondern Sehnsüchte nach Beständigkeit des irrealen und virtuell modellierten Wissens, Sehnsüchte nach der virtuellen Projektion, womit wir uns des Problems der Materialisierung entledigen. Vor diesen Hintergründen kann das Kunstprojekt neu interpretiert werden. Situationsbezogen und befristet kann es zum vernünftigen und klar nachvollziehbaren Fragment als zeitlich limitierte Geste werden.

foucault:
… Die Nacht des Wahnsinns ist also grenzenlos: was man für die wilde Natur des Menschen halten konnte, war nur die Unendlichkeit der Nicht-Natur.

brunner:
… Ja, Nicht-Natur, was bedeutet das? Ein Gegenteil zu dem, was man als Natur bezeichnet? Und wenn es aus der Nacht des Wahnsinns kein Erwachen gibt, weil dem Wahnsinn selbst die Verbindung zu dem inszenierten »Aussteigen« und dem inszenierten »Vergessen« versagt bleibt, dann wird er wahrlich nur jener Bruchteil in uns sein, der von der Öffentlichkeit negiert wird. Allerdings würde dem Wahnsinn eine andere Beachtung zustehen, wenn ihm ein kleines bisschen Zeit zur Äußerung einberaumt wird. Eben durch eine kleine Projektion als Loslösungsprozess. Dadurch würde die Öffentlichkeit in den Genuss der »Nicht-Natur-Bereiche« kommen. Man könnte einer abermaligen Auf lösung des Werkes beiwohnen, welches wiederum in neuem Prozess geschaffen werden kann …

flusser:
… Kurzum: Entweder will man, dass das Subjekt schuldig ist, dann ist es nötig, dass es in seiner Tat und außerhalb ihrer ein und dasselbe ist, so dass zwischen ihm und seinem Verbrechen Determinierungen zirkulieren; doch unterstellt man eben damit, dass es nicht frei war und dass es also ein Anderer als es selbst war. Oder man will, dass das Subjekt unschuldig ist, dann muss das Verbrechen ein anderes Element sein, das nicht auf das Subjekt zurückführbar ist; man setzt also eine ursprüngliche Entfremdung voraus, die eine ausreichende Determinierung darstellt, also eine Kontinuität, eine Identität des Subjekts mit sich selbst.

brunner:
… Wenn wir aus Entfremdung handeln und damit lediglich ausdrücken »ich kann nicht anders«, dann bleiben wir in unseren eigenen subjektiven
Erklärungsversuchen hängen und schieben die Verantwortung weg. Wenn wir jedoch ein kleines bisschen zeitlich befristeten Wahnsinn einräumen und im Projekt die entfremdete Welt neu zusammensetzen, bleibt uns die Sicht aus der Bodenlosigkeit, woraus wir entwerfen können.

foucault:
… Ihre Ausweitung (der psychiatrischen Erfahrung) bedeutet nicht nur eine Reorganisation des nosographischen Raums, sondern – unterhalb der Ebene medizinischer Begriffe – auch die Präsenz und das Wirken einer neuen Struktur der Erfahrung. Die institutionelle Form, jene Schaffung eines
Asylraums …

brunner:
… So könnte man auch die Prozesse der Projektkunst bezeichnen: Schaffung von zeitlich bedingten »Asylräumen«, keine räumliche Strukturen, sondern zeitliche …

foucault:
… also: Die institutionelle Form, jene Schaffung eines Asylraums um den Wahnsinnigen herum, in dem er seine Schuld anerkennen und sich frei von ihr bewegen soll, in dem er die Wahrheit seiner Krankheit zum Vorschein bringen und unterdrücken soll. (…) In der modernen Welt sind der Mensch und der Wahnsinnige vielleicht fester miteinander verbunden, als sie es in den mächtigen Tier-Metamorphosen sein konnten, die einst von den brennenden Mühlen des Hieronymus Bosch beleuchtet wurden: Sie sind durch das nicht greif bare Band einer wechselseitigen und unvereinbaren Wahrheit verbunden; sie sagen einander jene Wahrheit ihres Wesens, die verschwindet, sobald sie ausgesprochen wurde.

brunner:
… Wahrheit und Projizierung werden vermischt und sie sind nicht mehr als bloße Metaphern wahrzunehmen. Sie provozieren gleichzeitig mit einem existenziellen und körperlichen Einsatz. Darum wird ihr zeitlicher Raum wichtiger denn je.

foucault:
… Wahnsinn gibt es nur als letzten Moment des Werks – dieses drängt ihn unablässig an seine Grenzen zurück; wo es Werk gibt, gibt es keinen Wahnsinn; und dennoch ist der Wahnsinn etwas dem Werk Zeitgenössi-sches, da er ja die Zeit seiner Wahrheit eröffnet. Der Moment, in dem Werk und Wahnsinn gemeinsam entstehen und sich vollenden, ist der Beginn jener Zeit, in der die Welt von diesem Werk vor Gericht zitiert wird und sich für das verantwortlich fühlt, was sie ihm gegenüber ist.

brunner:
… genau diesen Moment wahrzunehmen, klingt altmodisch und überzeugt doch. Das Zusammenfallen von Werk und Wahnsinn gezielt anzustreben, wäre die Lösung für jede Kunstproduktion. Und gleichzeitig würden wir misstrauisch gegenüber dieser allzu direkten Pragmatik werden. Weist sie doch all zu sehr auf die Vereinnahmung durch die Kulturindustrie, in welcher der Moment des Übergangs vom realen ins spielerische Leben inszeniert wird. Nichtsdestotrotz sollten wir uns immer wieder etwas von der Zeit abschneiden und »aus dem Wahnsinn heraus projizieren«, gerade weil uns die Kultur- und Spielgesellschaft diesen Moment des gemeinsamen Entstehens von Werk und Wahnsinn bereits »vorspielt«. Wir sollten uns kleine Phasen des Irrsinns reservieren, als Projekt aus dem Projekt auf synthetischem Boden. Das Projekt bleibt im Öffnen der Grenzen zu erkennen. Seine Methodik greift auf andere Bereiche und Arbeitsfelder. Nicht in symbolischen Akten, sondern als gesellschaftlich kommunikative und ökonomische Maßnahme …

(1)
Vilém Flusser, »Vom Subjekt zum Projekt«, Menschwerdung, 1994, Düsseldorf; Michel Foucault, »Der anthropologische Zirkel«, 1961, Paris