PLASTISCHE ONTOLOGIE*

1996

Untersuchungen über Platz schaffen/Platz nehmen

Alles hängt immer von unserer Interpretation ab!

Woran gehen wir vorbei und wo setzen wir uns hin? – Unsere Gesellschaftsstrukturen zwingen uns prinzipiell nichts auf, oder andersrum gesagt: sie zwingen uns alles auf! Vieles, was uns vor die Augen geworfen wird, können wir mit Genugtuung links liegen lassen. Wir brauchen nicht alle Reklamen in der Stadt anzuschauen; wir müssen uns zu keinem Kauf beeinflussen lassen. Aber es kann sein, dass wir uns gelegentich über die Fülle aufregen wie über ein allzu buntes und formenreiches Tapetenmuster. Das erdrückende Gefühl infolge der Fülle visueller ‘Fangmittel’, die auf uns zudonnern, akzeptieren wir heute als Tatsachen. Wir sprechen von den Tatsachen, die uns umgeben, und das ist viel Zeug. Technisches Zeug, Steinzeug, Naturzeug und so weiter. Die Beurteilung ist unsere Sache, unsere persönliche. Die Beurteilung der Eindrücke ist auch die Sache, womit wir uns beschäftigen, woraus schliesslich die skulpturale Tätigkeit als kulturgesellschaftliche Interpretation entsteht.

Ich möchte versuchen, ein paar Gedanken zu konstruieren:

Jeder von uns arbeitet aus dem inneren Bedürfnis heraus, eine Ausdrücksweise zu finden, einen Platz für seine Machenschaften ‘freizuschaufeln’, welche sich mit dem Gefühl verbinden lassen, eine Art Seinsbestätigung gefunden zu haben. Es gibt sicherlich nichts Wunderbareres als sagen zu können: das hab ich selbst gemacht! Der Nutzen dessen ist erstmal unwichtig. Der Nutzen scheint überhaupt ein Problem eines anderen Planeten zu sein! Aber die Seinsfrage, die Frage der eigenen persönlichen Existenz, die soll damit einen Stempel der Berechtigung, der Seinsberechtigung erhalten!

Ich habe einen Titel gewählt zu meinen Veranstaltungen: ‚Plastische Ontologie’ . Onotologie* ist ein Begriff aus dem 17. Jahrhundert, der diese Fragen nach dem Wesen des Sein zu erörten versuchte. Ich habe dann noch das Wort der Plastik vorausgeschickt, und damit will ich betonen, inwiefern die Fragen nach dem Sein – heute – nicht mehr nur durch einen Naturbegriff bestimmt sind, sondern durch Konstruktionen, die mit unserer Interpretation zusammenhängen. Ich möchte auf diesem Gebiet die Verbindung zum Schaffen ziehen und die Form der skulpturalen Tätigkeit ähnlich hinterfragen wie die Seinsberechtigung, die als gesellschaftliche Positionierung eine Veränderung erfährt und uns neue Möglichkeiten der Interpration nicht nur offen lässt, sondern auch neue Spielmöglichkeiten gibt, neue Plätze schafft, und damit neue Versionen des Seins präsentiert.

Wir suchen Orte, und wir entdecken – im Laufe der Zeit – vielleicht Zwischenräume. Vielleicht wird es uns auch mˆglich sein, neue Räume zu entdecken, die es noch nicht gibt. Virtuelle Räume, Interstizien, Phänomene unserer nicht mehr linear interpretierbaren Wirklichkeiten. Wir überlegen uns, wie wir darin ‘Platz nehmen’ könnten. Eigentlich ein Eroberungakt! Wir setzen uns irgendwo hin, wir nehmen Besitz davon, nach unseren eigenen Vorstellungen, haben Anspruch darauf. Aber darauf möchte ich nur am Rande zu sprechen kommen. Denn ich möchte mich hier von einem rein geografischen Platznehmen entfernen. Eher soll es um eine Fundstelle verschiedener Plätze gehen. Und darin auch um die Akzeptanz eines virtuellen Denkens. ‘In Virtu’ – sozusagen. Das heisst eben: die Frage nach dem Wesen und seinem Platz für sich in Anspruch nehmen und neu definieren. Es ist wichtig, seine ‘Spielwiesen’ zu entdecken, wo wir selbst neue Forschungen über die Wirklichkeit der Räume, über die Zeit und über die selbst verfassten Interpretationen betreiben können.

Es soll in unserer Klasse darum gehen, die Absichten erstmal als rein persönliche Bestätigung zu artikulieren. Wir wollen sie stärken, daraus eine hypothetische Behauptung wagen und ihre Erscheinungsform der Öffentlichkeit zur Diskussion vorlegen.

Bis jetzt habe ich noch kein Wort über die Kunst verloren, …absichtlich. Ich denke, wir sollten uns erst frei machen vom Gedanken, Kunst zu produzieren. Wir müssen ja erstmal dreidimensional arbeiten lernen. Wir müssen uns erstmal an die mit neuen, räumlichen Wirklichkeiten verbundene Änderung des dreidimensionalen Wahrnehmens gewöhnen. Ich möchte diesen Begriff ‘Kunst’ noch etwas weiter ausklammern, weil wir vermeiden wollen, in die ‘Waschküche’ der sich repetierenden Rechtfertigungsversuche von Kunst zu gelangen, die uns nur aus einer Abseitsposition operieren lassen. Wir haben die Chance des Kuckens, des Urteilens und des Machens. Wir haben die Chance, unser Denken selbst zu betrachten und als Metapher neu zu erfinden, zu formulieren. Ob wir nun viele gescheite Bücher gelesen haben oder hauptsächlich B-Movies und Videoclips anschauen, oder ob wir uns mit dem Ausbau von Oeko-, New Age- oder Tecno-Kulturen beschäftigen, spielt dabei kaum eine Rolle.

Was versuche ich eigentlich zu erzählen? Verschiebe ich Probleme nur auf andere Ebenen? – Vielleicht. Oder kann ich bewirken, dass gewisse festgefahrenen Gedankenstrukturen damit aufgekratzt werden? Ich weiss es nicht. Wir können die verschiedensten Vorstellungen bei unseren Nachforschungen nach dem ‘Wesen’ entwickeln, unserem Wesen und jenem unserer Konstrukte. Ich will es so formulieren: Es geht um die Vorstellung von konstruierten Interpretationen. Diese Konstrukte könnten durchaus einmal Kunstobjekte sein. Sie können aber auch als Zeit -abhängige Aktion verstanden werden. Sie könnten auch Roboter heissen. Die Frage nach der Seinsberechtigung, im moralischen Sinn, stellt sich nicht nur uns, den Machern. Selbst an das kreierte Ding muss diese Frage gestellt werden. Vielleicht kann dadurch ein neuer Dialog beginnen, frei von bekannten Kategorien.

Dann werden wir fähig sein, Kunst als unsere Selbstverständlichkeit zu akzeptieren.

*Ontologie als plastischer Raumbezug

Ontologie: Von Malebranche, im 17.Jh. benutzte Bezeichnung; … Anschauung der Erkenntnislehre des Descartes und des Okkasionalismus, wonach alles endliche Seiende, auch Bewusstsein und menschlicher Geist, als nur scheinbare Ursächlichkeit verstanden wird… “Das Sein befindet sich nicht mehr im Körper, sondern im Wechselspiel von Innen-Aussen/Aussen-Innen.”