Operative Kunstintervention als Resozialisierung

Zürich/New York 2001

Über die sozio-kulturelle Intervention als Form der Kunstpräsentation im öffentlichen Raum

Die Präsentation – sowohl literarischer Texte als auch – visueller Kunstwerke als operative, künstlerische Intervention – von allgemeinen Investitionsprozessen zwecks Resozialisierung – bietet die beste Möglichkeit, eine Wahrheit des Medialen zu offenbaren. Indem der Künstler z.B. einen aktuellen, globalen Investitionsprozess simuliert und in den Kunstraum transportiert – wie es Duchamps seinerzeit mit der Einführung des Readymades getan hat -, ohne den eigentlichen Vorgang der Spekulation zu verändern, demonstriert er, wie mediale Vorgänge, also Verschiebungen und Übertragungen der Zeichen über die Grenzen hinweg, die die Topographie der medialen Oberfläche ausmachen, Verwirrungen auf der Ebene der Signifikanten und der kategorialen Zuschreibungen stiften.

In dieser Ununterscheidbarkeit des eigentlich Sozialen von der künstlerisch-operativen Intervention bezüglich ökonomischer Zusammenhänge nimmt der Kunstschaffende als Autor gemeinsam mit den Projektinitiatoren und den Organisatoren die Rolle des Vermittlers ein.

Das Werk, als künstlerische Intervention, bleibt der Öffentlichkeit als eigenständiges operatives “Unternehmen” erhalten, dem einen als unabdingbare, soziale Notwendigkeit, dem andern als künstlerisches Sinnbild ökonomischer Zusammenhänge und Investitionsvorschläge.

In Form einer operativen Mimetik sozio-kultureller Kontexte setzt die Kunst dabei ein dekonstruierendes Kommentieren realer Zusammenhänge ein. Dabei handelt es sich um eine Simulation, die Prozesse modellartig nachahmt und die in ihrem operativen Funktionieren selbst wieder in die realen Prozesse eingreifen soll. Dies findet z.B. Ausdruck in der Gründung einer Bar (“Mel Rose’s Place”, von Mel Chin, 97, Los Angeles, Kwangju, Aachen) oder in simulierten, kommentierten Szenerien (z.B. von Rikrit Tiravanija, “Apartment”, Köln, New York, 96; “Supermarket”, Zürich, 98; u. a.) Die Ununterscheidbarkeit von Echtheit und Simulation beweist die Vorteile der kulturellen Aktion. Die Echtheit einer bestimmten ökonomischen Spekulation zwecks sozialen Umständen wird verständlicher und als kulturelles “Stück” der Jahrhundertwende vermittelbar.

Operative Kunstintervention versucht also, die Möglichkeiten vorhandener Spekulationstätigkeiten in den künstlerischen Darstellungsprozess einzubeziehen und zu substanzialisieren. Dies kann dort interessant werden, wo z.B. die offiziellen Unterstützungen staatlicher Subventionen mangels Ressourcen nicht mehr fassen, wo die Verhältnisse zwischen effektiv zu leistender Arbeit als sozio-kulturelles, ordnendes System nicht mehr mit den ökonomischen Ressourcen übereinstimmen (Keynes).
Operative Kunstintervention als Resozialisierung verhilft dabei einem eigenen, den derzeitigen Formen des Kapitalismus abgeschauten Mechanismus zu jener Praxis, die sich an der Vielseitigkeit ökonomischer Verflechtungen orientiert.

Darin kommen sowohl mediale wie interventionistische Lösungen zur öffentlichen Vorstellung.

Operative, künstlerische Intervention als Resozialisierung kann die gleiche Faszination vermitteln wie das Readymade anfangs 20.Jh, welches nicht mehr von seinem wirklichen Vorbild unterschieden wurde. Nur, dass nicht ein Objekt aus der Alltäglichkeit in den Kunstraum eingeführt wird, sondern ein operatives Vorhaben als künstlerische Intervention, als skizzierten, simulierten Ablauf nicht visuell fassbarer, gesellschaftlich-ökonomischer Prozesse.

Die Simulation derartiger operativer Situationen jedoch wird nicht nur präsentiert und als mimetisches Spiel im Kunstraum inszeniert, sondern es wird versucht, durch den Kunstraum hindurch, der Simulation Wirklichkeits-ähnliche, Wettbewerbs-bedingte, spekulative Abläufe einzuräumen: Versuche werden unternommen, im kulturellen Kontext finanzielle Projektunterstützungen als Investitions- und Spekulations-massnahme einzusetzen, und erst deren Profit in entsprechende Kulturprojekte einfließen zu lassen. Die künstlerische Produktion steht als gesellschaftlich relevante Operations-Stimulanz zur Verfügung.

Es kann sich einmal mehr, einmal weniger um eine direkte Hilfeleistung (eine Gabe) handeln. Der Künstler ist dabei nur insofern erkenntlich, als er im allgemeinen Prozess den Initiator repräsentiert. Prinzipiell wird angestrebt, dass derjenige, welcher die ökonomischen Ressourcen zu einem Projekt liefert, auf Grund der spekulativen Verflechtungen selbst zum Protagonisten der kulturellen Intervention wird, und sich die entsprechenden sozio-kulturellen Kräfte selbst zum kreativen Potential wandeln.

(Veränderter Text von Boris Groys über Jacques Derrida’s Falschgeld:
.. Nun ist es in der Tat zwar möglich, aber gleichzeitig vollkommen überflüssig, danach zu fragen, was die operative Kunstintervention im sozio-kulturellem Raum bedeutet – ob Realität oder Kunst, Natur oder Konvention, Alltag oder Institution. Die sozio-kulturelle Operation nämlich demonstriert von Anfang an, dass es nicht auf die Frage der “Bedeutung” ankommt, sondern auf die Frage der Platzierung, der Situierung, der Verschiebung, Kontextualisierung, d.h. auf die Operationen jenseits jeder Signifikation, bei denen mit den Zeichen wie mit “bedeutungslosen” Dingen umgegangen wird. Selbstverständlich produzieren gerade solche Interventionen alle möglichen Verwirrungen in Sachen Signifikation – aber dadurch sind diese Interventionen nicht weniger identifizierbar, sondern liegen sogar buchstäblich auf der Oberfläche. … )