Metaphorische Modellbaukonstruktion zum westlichen Siedlungsleben

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Verschiedene architektonische und mediale Parallelen sind ausschlaggebend zur Entwicklung des Projektes “Suburban Entity”.
Generell wurde beabischtigt, sich auf eine Beschäftigung einzulassen, über Vorstädte als Phänomen unsere westlichen Lebenskultur eigendynamische Recherchen zu machen, und in irgendeiner Weise zu einer in sich abgeschlossenen Visualisierung zu bringen.
Somit ist das, was Sie hier sehen die Spitze eines Eisberges, oder eben ein Versuch, eine Modellskulptur mit speziellem, medialen Inhalt zu schaffen, abzuformen und materiell transportfähig umzusetzen.

Dieser Vortrag soll dazu dienen, einiges an Hintergrundmaterialien, Bezügen und Recherchen preiszugeben. Man muss es nicht wissen, um die Arbeit zu verstehen.
Es ist immer etwas schwierig, über die selbst entwickelte Arbeit zu sprechen. Allzu mannigfaltig sind die Verbindungen und Hintergründe, sodass nur eine lineare Erzählweise übrigbleibt, trotz allem werde ich im folgenden versuchen, auf einiges aufmerksam zu machen, was die Entwicklung im wesentlichen beeinfluusst hat.

Suburban Entity, also in der Übersetzung ungefähr so zu verstehen wie Wesenheit der Vorstädte, die Eigenschaft der Siedlungsentwicklung, Einheit der Vorstadt, versucht, ein von mir hypothetisch in die Welt gesetztes Kulturprodukt zu kreieren, eine Serviceleistung anzubieten, eine Möglichkeit von Verbindungen zu geben zwischen verschiedenen Siedlungsgebieten, ohne sich auf die jeweiligen, nahegelegenen Zentren zu beziehen. Suburban Entity versucht als Projekt das von Marshal MacLuhan benannte global village einzubeziehen, mit eben anderen und selbstverständlichen technischen Kommunikations- und Geschäftsbedingungen.
Ich versuchte nicht eine Utopie zu erzeugen, wie es einmal aussehen sollte oder könnte, sondern die mir vorgestellten und heute vorhandenen Kommunikationswege zu beschreiben und eine Konstruktion zu wagen, die weg von der nur einseitig vorgetäuschten, perfekten Integrität steht.
Darin spielen architektonische, physische Formen, effektive visuelle Erscheinungen, weder eine entscheidende Rolle noch geben sie Auskunft über Tendenzen oder Leben. Darin wird erst durch die Vermischung von technischen Möglichkeiten mit deren sinnbildlichem Verweis auf existentiell erfahrene Errungenschaften die Athmosphäre geschaffen. Das Gespräch in den Siedlungen über den Gartenzaun wird ergänzt durch die Informationen und Eindrücke, medial empfangen und gesendet, direkt aus jeder Einheit. Als ob durch unsere Technologien die vernetzte Welt in jedem Haus implodieren würde und sich in kleinen Partikeln zu einer Miniatur zusammenfügt.

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Es ist mir klar, dass man sich gegen derartige Feststellungen etwas sträubt, und ich möchte auch nicht darüber sprechen, auch nicht ein weiteres Mal die Utopien der sechziger Jahre zitieren, wo jedes Haus zur kleinen mobilen, abgenabelten Weltraumstation wurde. Nein, es ist mir absolut bewusst, wie sehr das Gespräch über den Gartenzaun nach wie vor existiert; doch existiert es vielleicht vor diesen allgemeinen globalen Zusammenhängen und mit den Kommunikationstechnologien, die schliesslich jedes Haus als kleine Maschine, als kleine technologische, mediale Errungenschaft erscheinen lässt. Und eben in sinnbildlichem Sinne nicht mehr als kompakte Einheit zu begreifen ist.
Haben wir es nur mit einer weiteren Leibnizschen Monadisierung zu tun?
Jedenfalls, so wie hier in der Ausstellung, ist die Orientierung nach einem einzigen Zentrum der Vorstadtsiedlung einer globalen Orientierung gewichen, um gleichzeitig wenig in unmittelbarer Nachbarschaft zu interagieren. Dies stellen wir hauptsächlich dort fest, wo der sogenannte double income househould keine zeitlich festgelegte Aufgabenverteilung mehr vorsieht. Eher herrscht die Gleichzeitigkeit von allem, die Gleichzeitigkeit der Arbeit wie auch der Freizeit, die Gleichzeitigkeit der kommunalen Auseinandersetzung und sozialen Interaktion wie auch der globalen Orientierung.

Die schafft einen anderen Umgang mit Identität, ja mit persönlicher Identifikation.

Die Eigendefinition läuft gleichzeitig über die Medien, weil die Medien unter uns eine nicht nur informative Wirklichkeit verbreiten, sondern auch eine emotional, kompensatorische Rolle übernehmen. Eine interaktive, ob ich sie nun benutze oder nicht. Wahrscheinlich sind in dieser Hinsicht die medialen, instrumentalisierten Wirklichkeiten in den USA etwas verbreiterter. Ist ja auch klar, weil wir in Amerika immer den Eindruck haben, dass mit jedem Nagel, der in die Wand geschlagen werden muss, der Hammer erstmal neu und noch spezialisierter erfunden wird. Die Gerätschaft als solche ist daselbst mehr ein Objekt, welches fortlaufend – in manchmal unsinnigerweise – spezialisert wird.
Bei uns im “alten Europa” geniesst man es eher in einfachen Vorstellungen dabei zu bleiben, den Fernseher als die schwarze Flimmerkiste zu sehen, gleich dem Kasperletheater und man lässt sich weniger schnell auf seine direkten Ausstrahlungen in den Raum ein.
Doch denk ich, beide Charakterisierungen beeinflussen sich, tragen sich weiter!

Die Ausbreitung
Das Thema der Suburbs, der wachsenden Neubausiedlungen also, der sich ausbreitenden Vorstädte, zum Thema zu machen, ist nicht so einfach, weil es wohl keine heterogene Masse abgibt, kein klar umrissenes, zu untersuchendes Feld, so wie etwa die Beschäftigung mit dem inneren, städtischen Bereich. Zwar geben auch nur vielschichtige Bilder, zu welchen das Prinzip von chaotischen Strukturen am ehesten zutreffen. Nur gehen wir bei der Betrachtung und Typisierung der Stadtstruktur immer noch davon aus, dass wir irgendwann einmal – ganz physisch erfahren – von einem sogenannten Stadtzentrum an die Peripherie gelangen, somit den Kern der Sache verlassen und ebenfalls von aussen beurteilen können. Bei Vorstädten und Agglomerationen ist das etwas anders. Man weiss nicht genau wo sie anfangen und schon gar nicht mehr , wo sie aufhören, also wo irgendwo so etwas wie eine wilde Landschaft anfängt. Es gibt in Amerika Häuser – im Moment werden sie mit MacMansions betitelt, die haben soviel Land um sich, dass man eigentlich eher von einem Landsitz ausgehen würde, und trotzdem sind sie Teil der Suburb, weil sich an seiner Landgrenze gleich der nächste, noch grössere Sitz anschliesst. Andererseits werden in Europa soviele Neubausiedlungen erschlossen, mit den modernsten und dynamischten Versuchen einer kompakten Infrastruktur, dass man schlecht von Agglomeration reden kann. Und trotzdem, auch bei letzt erwähnten Siedlungen sprechen wir nicht mehr von Stadt, ja sogar Stadtgründung, wie man dies vielleicht in früheren Generationen bezeichnet hätte.
Man typisiert sie lediglich als Siedlungen, Neubausiedlungen, ohne genau angesteuerte Vision.
Es werden selbstständige Einheiten fabriziert, und sie werden von ihrer Ausrichtung immer unabhängiger von den eigentlichen Städten, den Zentren. Über heute zur Verfügung stehende Technologie und Transportsysteme sind sie in ihrer Produktivität unabhängig, in ihrer horizontalen Ausdehnung offen, trotz Raumplanung. Denn im wesentlichen haben die neunziger Jahre gezeigt, was massgeblich zur lukrativen Ausbreitung beiträgt: Es sind die guten Investitionsbedingungen, die Kapitalmärkte und der unaufhaltsame Wille, das an der zurückgezogenen Harmonie und dem Ideal des Bürgertums aus dem neunzehnten Jahrundert orientierte Bild durch Massenverbreitung als gesellschaftlichen Wohlstand zu deklarieren.

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Zur Geschichte, es gab Gründe, warum sich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Augenmerk auf eine eher offene und ländliche Lebenskultur richtete:

The Garden City

At the end of the nineteenth century Ebenezer Howard, the English inventor (as he liked to be called) reacted to the industrial city as follows:”As I passed through the narrow dark streets, I saw the wretched dwellings in which the majority of the population lived, I observed on every hand the self seeking order of society.

The sunlight is being more and more shut out, while the air is so vitiated that the fine public buildings, like the sparrows, rapidly become covered with soot, and the very statues are in despair.” Howard did not like the industrial city of his time (for good reason) and he invented an alternative that he described in his book Garden Cities of Tomorrow, published in 1898. As Lewis Mumford acknowledged, it did more than any other single book to guide the modern town planning movement and to alter its objectives.The Garden City consisted of a central core of 1,000 acres incorporating grand avenues, cultural facilities and a central park surrounded by 5,000 acres of agricultural land, as illustrated in photo 14. Howard had declared that “town and country must be married and out of this joyous union will spring a new hope, a new life, a new civilization.”What did spring out of it was a system of land use planning that favoured sub-urban life to that of cities.

und dann weiter

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Broadacre City

What should suburbia look like?

Frank Lloyd Wright had an answer for that, too Essay by James Krohe Jr.

Illustration by Daisy Juarez
[What should suburbia look like? Frank Lloyd Wright had an answer for that, too Essay by James Krohe Jr. Illustration by Daisy Juarez]

A public fed up with banal buildings, uglified vistas and traffic jams has given political potency to calls for reform of suburban development. But while most people agree suburbs ought to be different, no one quite agrees on how. Riverside, just west of Chicago, was an influential model for the 19th century railroad suburb, and Schaumburg is an archetypal 20th century auto suburb. What ought 21st century suburbia look like? What is its ideal density, the relation of its public and private parts, its provision for nature?

One answer to that question – “Broadacre City”- was announced 70 years ago. Broadacre City was Frank Lloyd Wright’s vision for the ideal multicentered, lowdensity, autooriented suburbia. Measured by the number of years he spent at it, Broadacre City was the chief work of Wright’s mature life. The architect introduced his scheme for a decongested city in 1932 in the book, The Disappearing City, and revised and expanded the concept until his death in 1959.

Mit diesen beiden idealen Entwicklern lässt sich aufzeichnen, wie sich innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte der Traum nach dem Eigenheim als “Common Sense”, als wirtschaftliche Normalität, gesunde westliche Raumstruktur eigendynamisch verbreiten konnte.

Es war jedoch mein Vergnügen oder meine kleine Freiheit und Waghalsigkeit als Künstler, mit etwas Architekturverständnis nach Versionen zu forschen, nach sozialen und anderen Phänomenen zu schauen, die dieser Entwicklung einen Kommentar abverlangen.
Denn bei weitem ist damit nicht gesichert, wie zukünftig die Landnahme aussieht und wie vor allem auch energietechnisch die Infrastruktur aufrechterhalten werden kann.
Jedoch scheint klar zu werden, wieviel die heutige Welt des Hausens mit Sehnsüchten, Bedürfnissen und Ausblicken zu tun hat, die eigentlich aus einer anderen Zeit, eben jener der grossen industriellen Revolutionen des 19.Jh stammen.

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Wie sieht denn die Utopie aus. Was bleibt uns, gesellschaftlich gesehen, nach dem erreichten an Projektion für die Zukunft. Das Leben in der Peripherie feiert seine Unabhängigkeit! Verknüpft und angebunden in ganz anderer Art zelebriert es seine Reserviertheit!
Die Frau des Sennen mit ihrem Vierradantrieb Tuareg und einer 40 Minuten Fahrzeit zum städtischen Zentrum zelebriert möglicherweise das interessantere Stadtleben als alle jene, die sich für teures Geld in den Städten kleine kümmerliche Wohnungen halten. Die westlichen Städte sind bankrott auf Grund der selbst verursachten Flexibilität und transitorischen Lebensart.
In gewissen Vorstädten in Amerika, den wohlhabenden, finden wir hauptsächlich Beauty Shops und Shopping Malls, weil die beschäftigten Herren und Damen ab sechs Uhr morgens sich auf den Highways drücken, um dann erst nach dem Stau nachts um 10 wieder zurückzusein, Oder weiter, viele potentielle Geschäftsmöglichkeiten werden direkt über die medialen Kanäle abgewickelt, sodass aus diesen Gründen eine ortlose kommunikative Lebensart, aus den Vorstädten heraus, entsteht, die keine örtlichen Zentren mehr entstehen lässt, es sei denn die herangewachsenen, zum Beispiel um ein altes Bauernhaus herum, welches touristisch hochgemotzt wird, und so etwas wie einen Ortscharakter auf Schokoladentäfelchen abgibt, jedoch nichts mehr mit dem Leben zu tun hat.

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In dieser gesamten Entwicklung seit Beginn der neunziger Jahre kam noch einmal eine utopische Idee zum Vorschein, von welcher ich hier kurz erzählen will.

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Niemand anders als Walt Disney hat das Bewusstsein der Kultur und Unterhaltungsindustrie massgeblicher geprägt wie Walt Disney, und niemand anderes als er hat zu seinem Lebensabschluss, bevor er sich für bessere Zeiten einfrieren liess, in naiver Weise an einem gesellschaftlichen Gesamtentwurf gearbeitet, welcher in kommerzieller, postmoderner Weise sämtliche Ideen und Utopien des zwanzigsten Jahrhunderts benutzt, ohne eigentlich selbst etwas neues zu kreieren, aber doch eine neue Welt schaffen soll. New Urbanism, als Bewegung, wie wir sie unterdessen kennen, wurde geschaffen. Ein Griff in die Kiste des new conservatism mit gleichzeitiger Reduzierung der Idee der Moderne auf die pure technologische Perfektion.
So wurde es möglich, dass für unsere ersten schnellen Augenscheine überall eine intakte, geschichtlich verwobene, bebaute Landschaft entstand, altherkömmliche Baustile aus Plastik- und Holzimitationen nachempfunden wurden, jedoch mit dem neuesten an anzuwendender Technik.
Zum ersten Mal wurde die bauliche Erscheinung als etwas wirklich substantielles reduziert auf den puren Schein, die Projektion eines neuen Wohlbefindens.
Ähnliches konnte man während des Barock feststellen oder im Jugendstil. Die Freude am Versatzstückartigen.

Disney plante also nicht nur einen grossen Vergnügungspark, sondern versuchte gleichzeitig, für alle jene Behausung und Siedlung zu schaffen, die in den Vergnügungs-Parks arbeiten. Damit knüpfte er direkt an die Entwicklung der von Ebenezer initiierten Arbeiter-Garten-Siedlungen aus dem 19.Jh an. Nur mit dem Unterschied, dass die Kassierer und Kassiererinnen, die Mechaniker und Clowns, die Micky Mouses und Managers aus ihrer tagtäglichen Beschäftigung innerhalb einer nicht so ganz wirklichen Wirklichkeit in eine weitere nicht so ganz wirkliche Behausungswelt hätten steigen dürfen.
Und des weiteren benutzte er die bereits vorhandenen Utopien, wie zum Beispiel die frühen Buckminster Fuller-Entwurfe der gegliederten Dächer, um selbst diese neue Siedlung unter eine Haube zu stellen, unterirdisch sozusagen, aber auch mit harmonisierender Athmosphären-Regelung und so weiter. Diese Idee schliesslich wurde bald einmal fallen gelassen, jedoch haben wir sie im Kino bewundern können, nämlich im Film the „Trumanshow“ 1992/93.

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Auch Corbusier musste beim Disneyischen Stadtentwurf dran glauben:
So wurden alle Kommunikationswege in den Untergrund gelegt und die radial angelegte Stadt hätte in der Mitte einige Wolkenkratzer erhalten, womit sich die Siedlung ein Markenzeichen gesetzt hätte. Ein Hotel.
Das faszinierende seines Entwurfes war weniger also die überzeugende fantastische Idee, sondern eher die gefährliche oder auch erfreuliche Nähe zur Ökonomie der Realisierbarkeit.

Walt Disney ist gestorben, oder besser hat sich einfrieren lassen, befor es eine Möglichkeit gab, EPCOT im gesamten zu realisieren.
Anschliessend teilten sich die Meinungen zwischen jenen die seinen Orginalentwurf eins zu eins umsetzen wollten und jenen die keine Möglichkeit darin sahen. Erstaunlicherweise ist aber doch etwas daraus geboren, nämlich „Celebration“, jene Stadt welche nun in Orlando County geplant und aufgebaut wurde, jene Stadt welche nun die Räume darum ziert und zu deren ideeller Verbreitung namhafte Architekten der Postmoderne wie Aldo Rossi , Hausentwürfe lieferten.

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Celebration ist die Geburtsstätte unserer heutigen Siedlungstendenzen, ist also unsere heutige Wirklichkeit des perfekten, durchstrukturierten harmonischen Vorstadtlebens, mit aller aus dem Katalog abrufbaren Stilvielfalt, mit klaren Regelungen und – im Markt der neunziger Jahre sich flächenmässigen Landbesitznahme des wohlständigeren Mittelstandes.
Celebration wird nun überall imitiert, und weiterentwickelt.
Celebration, deren Ursprung auf einen Medienmogul zurückgeht, der sich wie kein anderer in den Entwicklungen der Kultur- und Medien-Industrien auskannte und sie zu benutzen wusste, vermochte es nun also, nicht nur über Massenmedien und Bildschirme in unsere Häuser reinzufallen, sondern die Häuser selbst zu schaffen, ja eigentlich das Leben zu bestimmen.
In dieser medialen Entwicklung, der Mischform von Kommunikation, Ideenfindung, Scheinwelt und Euphorie verändert sich ein entscheidender Wechsel zur realen, kulturellen Erinnerungswelt. Was von nun an Versatz, Ersatz, Trompe-l’oil ist, bleibt nicht mehr klar zu bestimmen, es scheint auch niemanden wirklich zu interessieren. Die Frage nach Authentizität muss anders, und verzwickter gelöst werden, sofern sie selbst von Kommunikations- und Unterhaltungsindustrie abhängig ist. Unterhaltungsindustrie als solches wird gleichzeitig zum gesellschaftlichen Muss, welche wiederum die Welten füttert und als Präsenz vorhanden sein soll. Sowohl ökonomisch wie auch gesellschaftlich kommunikativ.

Anhand von diesem kleinen verbalen Ausflug und Kommentar zu Walt Disney, versuchte ich auf die stilmässigen, raumplanerischen Ausmasse der heutigen Siedlungsentwicklung aufmerksam zu machen. Einen ideellen Hintergrund wollte ich erwähnen, der leider selten Thema der gesamten westlichen Baugeschichte ist, allzusehr stehen die lokalen, raumplanerischen Klüngel mit den konkreten Problemen der “Landereroberung” und Nutzung im Vordergrunde. Dass darin gleichzeitig ein mediales Selbstverständnis eingebettet ist, wird oft übersehen oder sehr selten wahrgenommen, denn auch dazu stehen uns zu sehr die Utopien des zwanzigsten Jahrhunderts – noch – im Wege, wo die Scheinwelten als absoluten Ersatz propagiert werden, und übersehen wird, inwieweit mit jeder Mediennutzung hybride Realitätsstrukturen kreiert werden, welche in ihrer Erscheinung keine staublose Athmosphäre hinterlassen.

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Doch wie sieht denn generell ein Leben in diesem suburbanen Mikrokosmos aus?
Viele werden sich in den geäusserten Gedankenkonstruktionen kaum finden, was auch verständlich ist, denn sie entsprechen Überlegungen, welche als Untersuchung zu einem musealen Konstrukt dienten und nicht zum Konstrukt eines wirklichen Hauses, wo man selbst drinleben könnte. Denn auch ich, so muss ich gestehen, liebe hohe Decken eines Hauses aus der Gründerzeit und fühle mich absolut unwohl in modernistischen kleinen Wohnungen, so wie Mies van der Rohe, der selbst überhaupt nicht in seinen eigenen Häusern wohnen konnte (!?)

Und trotzdem, wie sieht dieses suburbane Leben aus? Wieviel wird im sozialen Kontext danach gestrebt, eine in sich abgeschlossene heimische Ganzheit zu konstruieren mit sämtlichen Versatzstücken? Wieviel wird gerade die mediale Wirklichkeit zur Lebenswelt und umgekehrt?

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Die direkte Frage, die ich im Prozess an verschiedene Siedlungen Europas und Amerikas per Fragebogen richtete, stiess auf ganz unterschiedliche Reaktionen.
Wohlwissend, dass es mir nicht so sehr um die Antworten ging, als vielmehr um das Erleben des Verteilens, der Kontaktaufnahme, der örtlichen Empfindung und des direkten Entdeckens kleiner Differenzierungen in einem Bereich, der generell als Normal angenommen wird. Es ging mir bei den Fragestellungen und Kontaktaufnahmen auch nicht darum, diffamierende Sensationen zu finden, Misstände zu entblössen, oder anzustrebende perfekte Welten zu entdecken. Vielmehr ging es mir um den möglicherweise zu initiierenden Prozess des Austausches, über die verschiedenen Meinungen und Eindrücke zu den Medien hin zu dem als kleines trautes Glück vorgestellten Gehäuse.

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Und darin wurde die Frage nach dem heute möglichen Authentischen, oder unserem generellen Umgang damit zum zentralen Feld, eine Lösung zu finden, sozusagen eine eigenständige Quintessenz zu schaffen, welche auf der anderen Seite die Medialität der Kunst miteinbezieht.
Die Videokamera ist ein Mittel wie Bleistift und Papierblock, womit Welten eingefangen und interpretiert werden. Gleichzeitig versuchte ich jedoch, um mich selbst vor zu grosser Eigeninterpretation zu schützen, das Medium des Videos ohne filmische Qualität zu nutzen, und auch keinen Wert auf expressiven Ausdruck zu legen, sondern darauf, was die dem Medium selbst verhaftete Suggestionskraft und Ersatzwirklichkeit mit sich bringt.
Der zu vermittelnde Inhalt sollte im Zusammenhang seiner massenhaften Verwendung stehen, er sollte die zu vermittelnde Information einfangen aber keine Urteile abgeben, sondern als Möglichkeit des Spieles verstanden werden. Es sollte von vorneherein als sinnblidliches Bild der Präsentation von realen Welten eingesetzt werden, ohne direkten Bezug auf unmittelbare Informationen. Mit diesem Medium sollte die Informationswelt als Realität mit dem was als Sinnbild vorhanden ist, zusammenfallen, ineinandergreifen und in ihrer Gleichzeitigkeit die mediale Vermischung ermöglichen.
Mit den Videos und den entsprechenden Technologien sollte aber auch die massenhafte Verwendung und Verbreitung zum Zuge kommen. Es sollte auch eine eigenständige Produktion ermöglicht werden. So ergab es sich, dass das Interview, um die eigentlichen Verhältnisse in verschiedenen Siedlungsgebieten zu beschreiben, nicht mehr einer Befragung nach den eigenen Realitäten entsprach, sondern einer Bitte, sich mit einer bereits medial verfügbaren persönlichen DARSTELLUNG zu identifizieren und im Nachhinein vor laufender Kamera zu erzählen.
Einerseits sollte damit ein gewisser persönlicher Schutz gewahrt werden. Denn nichts anderes scheint uns heute am meisten zu verwirren, als die dauernde unmittelbare Veröffentlichung persönlicher Ereignisse, die schliesslich eigendynamische Prozesse auslösen und unkontrolliert irgendwo am anderen Ende der global vernetzten Welt verdreht wieder zum Vorschein kommen.
Anderererseits habe ich damit auch ein direktes Spiel initiieren wollen, welches Teil unserer Sprache ohnehin ist. Wieviel und wie oft sprechen wir von etwas, was wir gerade erlebten: Das ist ja wie in dem Film, das ist ja wie da in dieser Fernsehserie. Ich wollte darauf Bezugnehmen, wieviel unserer Präsenzwelt bereits über die Medien reflektiert wird und als solche gestaltet wird.

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Die Soap Opera, eine kulturelle Erfindung aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein Waschmittelkonzern hatte die geniale Idee, sein Produkt anstatt mit einer blossen Anzeige, einem Plakat oder einer Sendung anzubieten, mit einer kleinen fortlaufenden Geschichte aus dem wirklichen Leben zu verbinden. In Amerika haben sich dank günstiger Einschaltquoten die Leute sofort daraufgestürzt und damit wurde ein gesellschaftliches Bedürfnis kreiert, welches schliesslich zur ersten im Fernsehen übertragenden Serie führte: Guiding Lights, …und sie läuft in Amerika immer noch.
Weitere Entwicklungen und Erfolgsereignisse ergab es in den fünfzigern in Deutschland, und zwar damals in beiden Teile, in Lateinamerika, wo die Sendungen eine eindeutige Projektions- und Ersatzfunktion haben, bis heute zu den rund um die Uhr gesendeten Serien.
Sie vermitteln eigentlich keine Sensationen, sondern geben fortlaufend Einblick in persönliche Lebenswelten, welche haarscharf an der Grenze der wirklichen Umstände konzipiert werden. Sie richten sich wesentlich nach gesellschaftlichen Tendenzen des Zusammenlebens, der Konflikte, ja manchmal der politischen Prioritäten. Sie geben einen Spiegel wieder, versuchen Spiegel zu sein, Sie entsprechen keinem theatralischen filmischen Ereignis, mit Anfang und Ende, sondern werden fortlaufend geschrieben, so wie das Leben, manchmal mit etwas mehr Einschaltquoten manchmal mit etwas weniger. Und oft scheint, dass der eigentliche Produzent einer prometheischen Figur gleichkommt, seine Figuren schaffend, und die Serie meistens oft ablebt, wenn er selbst aufhört.
Den Zuschauern zu Hause wird damit die Möglichkeit gegeben, nebst ihrem eigenen sozialen Umfeld in eine mediale Familie hineinzuschauen, deren Erlebnisse zu teilen und mitzuleiden oder sich mitzufreuen, zu heulen oder zu fluchen. Von gewissen therapeutischen Wirkungen zu sprechen würde ich abraten, jedoch die Aktualität der medialen Kreation betonen, die in weiteren aktuellen Sendungen sich forstetzt wie den Richtersendungen, Sitcoms, usw.. Sie haben einen wesentlichen sozialen Einfluss, und dies wahrscheinlich, ob man sie nun anschaut oder nicht, ob man darüber Bescheid weiss oder nicht, wahrscheinlich mehr als irgendein theoretischer Text zu den sozialen Verhältnissen, irgendwo in einem Feulleton veröffentlicht. Auch die gesellschaftliche Bedeutung von Idelologie oder Nicht-Ideologie macht sich darin breit.

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Die ausgeklügelte Produktionsmaschine der Soap und Sitcoms steht als der anderen ausgeklügelten Maschinerie der Eigenheimproduktion gegenüber, den unerfahrenen Schauspieler gleichwohl einbauend, lässt mehr Nähe entstehen zu dem, was auf dem Bildschirm passiert. Kreiert Athmosphäre.
In diesem Sinne benutze ich die bereits vorhandene Dramaturgie, die eigentliche soziale gesellschaftliche Abstraktion, welche durch die Serien vermittelt wird, zu benutzen, um Befragten und Teilnehmern die Möglichkeit zu geben ihr eigenes Bild zu schaffen. Ich habe versucht, die Befragten anzuregen, nicht ihre eigene Geschichte zu spielen, sondern den über die Medien bereits vorhandenen sozialen Kontext in ihren eigenen Wänden wiederzugeben.

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Zwischen den Zeilen fliesst darin immer eine Menge Eigenintepretation hinein. Und für den Betrachter bleibt im Nachhinein die Frage ungelöst, erzählt diese Person tatsächlich aus ihrem eigenen Leben, oder spielt sie. Diese Fragen werfen uns wieder auf unsere eigene mediale Erfahrung zurück, auf die permanente Frage nach Authentizität , welche eher darüber geklärt werden kann, wieviel wir zu unserem eigenen Wohl glauben wollen und in Unwahrheit lassen können und wieviel wir tatsächlich wissen müssen um mit der Realität als Realität , mit der Realität zu spielen.

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Vor diesen Hintergründen werden die Bauten von Suburban Entity als minimalisierte Höhlen zur dreidimensionalen Projektionswand, welche nur dank dem medialen Einschalten zu einer belebten Athmosphäre gelangen.
Gerade diese Tatsache des medialen Ein- und Ausschaltens jedoch spielt in unserer täglichen Wahrnehmung erst dann eine Rolle, wenn sich der Verlust breitmacht, im übrigen wird es in unsrer Wahrnehmung als existent eingebaut.
Innerhalb heutiger Ausstellungstechnik also versucht die mediale Athmosphären-beschwörung zwei Sachen zu bewirken:
Einerseits die entsprechende Versatzarchitektur des Siedlungsbaus auf die pure Scheinwelt einer Projektion zu bewegen, und andererseits wiederum die uns betreffenden realen Situationen “als Geisterwelt” ins Museum hineinzuholen”.

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Die Modellbauten werden je nach Ort und Stimmung, verschieden bespielt. Und man könnte sich vorstellen, dass unter Umständen über das Internet und andere Medien ein Kanal aufgebaut wird aus den Siedlungsgebieten heraus in das Museum hinein. Eine vielleicht noch etwas waghalsige Konstruktion, jedoch in technologisch-gesellschaftlichen Prozessen eine vorstellbare Interaktivität.
Die sich in ihrer Privatheit ausbreitende normale Welt beschaut und bespielt sich innerhalb der von ihr geschaffenen Kunsträumen selbst. Andererseits rettet ihre direkte Teilnahme die vor sich hin darbende Kultur! Denn ihr persönliches Interesse daran liegt durch ihre eigene Bespielung auf der Hand.
Also in diesem Sinne war und ist wahrscheinlich Suburban Entity meine eigene, konstruierte Utopie des universalen globalen Dorfplatzes, der durch die Siedlungen verschiedenster Gegenden benutzt und bespielt wird. Im Museum,, welches von sich aus die Funktion des aus der direkten Realität losgelösten Tempels der Kontemplation übernimmt, werden die Häuser von aussen bespielt.
Und so ergibt sich die nächste Stufe von Suburban Entity, nämlich jenen Bezug herzustellen zu den Salons des 17. und 18. Jahrhunderts wo sich die Grafschaften zu ihren Abendsoirees getroffen haben um sich gegenseitig ihre Langeweile zu beweisen. Vielleicht wäre es angebracht, in dieser Fortsetzung ein Museum zu kreieren, wo sich die Bewohner der Agglomerationen in einem gegenseitigen, medialen Austausch treffen, als Projektion und so eine neue Form des kulturellen Gedächtnisses schaffen.