Inhalt im Display

Von der Lüge des Bildes zum Wunsch des interaktiven Kunstprojektes

Auf die Frage hin, wie der Titel meiner Vorlesung lauten würde habe ich Ihnen „Inhalt im Display“ genannt. Dieser Titel schien mir angebracht, weil ich damit zwei Fliegen auf einmal schlagen kann. Einmal kann ich einige Gedanken zu der mir auffallenden Problematik – aber auch spannenden Auseinandersetzung – der Raumgestaltung generell und im speziellen der künstlerlischen hinweisen und andererseits kann ich dies anhand einiger Projekte tun, die ich innerhalb der letzten Jahre realisierte.

Ich möchte einige Gedanken anführen, welche mich bei jedem der Projekte – sowohl den eigenen wie jenen in Zusammenarbeit meiner Hochschularbeit in Kiel – in der Realisierungsphase, immer wieder beschäftigten:
Welche Wahrnehmung muss ich wie beim Rezipienten durch die künstlerische Gestaltung wachkitzeln? Wo verkaufen wir uns zu billig und wo wird alles zu Komplex? Welche Art der Wahrnehmung kann ich durch die räumliche Installation ansprechen? Wie werden die manchmal nicht so geradlinigen Inhalte wiedergegeben? Wo lasse ich hauptsächlich meiner Intuition freien Lauf, auch wenn sie einmal ganz explosionsartig ist? Und wo wird dies bewusst durch Selbstkritik vermieden?
Deswegen untenehme ich hier den Versuch, den Begriff Display zu verwenden.
Vielleicht ist mir dieser Begriff eingefallen, weil er in Bezug auf künstlerische Raumgestaltung wie eine verringernde Wertschätzung wirkt. Vielleicht aber wollte ich damit auch auf eine Verallgemeinerung hinaus, die für unsere Zeit typisch ist, die uns prägt, mit welchen Begriffen, eher aus den Bereichen der technischen oekonomischen Welt wir althergebrachtes uminterpretieren, wenn man sie auf die installative künstlerische Arbeit innerhalb der Museumsräume bezieht.

Der Begriff wird hauptsächlich im Zusammenhang mit temporären Messebauten, mit graphischen Darstellungen verschiedener Daten auf Bildschirmen gebraucht. Mit diesem Begriff möchte ich ebenfalls hier auf die zeitlich beschränkte nomadisierende künstlerische Installation verbinden, welche sich mir als künstlerische Projektgestaltung ergab.

Was heisst Inhalt und vor allem im Display in einer Vermittlung?
Display ist die funktionalisierte Erscheinung, die Inhalte blumig erscheinen lässt, die Inhalt auch vereinfacht. Die Konstruktion von Displays soll die Vermittlung entsprechend dem verfolgten Zweck vereinfachen. Display soll auch etwas haben, was einem direkt in die Augen springt. und es soll eine stereotypisierte Athmosphäre kreieren. In erster Linie ein aesthetisierendes, athmosphärisches Nest bauen, womit die verschiedensten Vermittlungen möglich werden.
Seit den achziger Jahren sind Künstler bekannt, die gerade kommerzielle Displaymethoden als künstlerische Installationen ironisierten. So wie hier bei einer Installation von Katja Flieger, Stadtgallerie Kiel: Jeglicher persönlicher Ausdruck wird zurückgenommen. Oder dann bei der inszenierten Sammlung von Clemens Austen in der Stadtgalerie in Kiel. In dieser Form der Ecke, die dazu benutzt wird, um die verschiedensten hier dann „absolut persönlichen , künstlerischen Erzeugnisse verschiedenster Leihgeber als uneinheitliches Sammelsurium zu inszenieren, als eine Sammlung des Titels wegen und sich als Künstler durch Service an anderen auszuzeichnen.

Display also benötigt eine bestimmte Beschäftigung über heutige Wahrnehmung von der Mischung realer und medialer Räume.
Zum Beispiel das Projekt One Life, One Mile: in Rome . So der Titel zu einem recht komplexen Unterfangen. Ging es doch darum, sich mit einer städtebaulichen Misere zu beschäftigen und dies im Anschluss im bekannten Kunstzirkus der Biennalen vorzustellen. Es ging darum zu einer Ausstellung einen Beitrag zu leisten, deren Konzept vom Kurator klar vorgegeben war: Es sollte in erster Linie der Name der Stadt auftauchen und nicht derjenige des Künstlers oder Autors, und im Ausstellungsrundgang sollte eine imaginäre Wanderung durch die bekannten Metropolen entstehen, jedoch nicht nach dem Postkarten-Souvenirstil, sondern nach ganz speziellen Kriterien. Ich habe mir Rom vorgenommen, da ich zu jener Zeit mein Stipendiumsaufenthalt am Schweizer Institut abschloss. Ich habe mir ein Gebäude vorgenommen, auf dessen markante Grösse ich verschiedentlich von der Autobahn aus aufmerksam wurde, welches aber nicht gerade unter den 10 schönsten oder schlimmsten Sehenswürdigkeiten Roms verzeichnet ist.
Corviale, so der Name des Gebäudes, ist eine städtebauliche Entwicklung der siebziger/achziger Jahre, als man versuchte die Wohnungsnot mit klotzigen, marginalisierenden Sozialbauten zu lösen. Corviale wurde als ein-kilometerlanges, neun Stockwerke zählendes Gebäude konzipiert, mit der klaren visuellen Verführung, es könnte gerade nochmals so lange sein. Corviale ist nie richtig fertig gebaut worden, denn es wurde schon vorher durch Wohnungslose, durch Roma und andere in Besitz genommen. In den achzigern wurde dadurch eine Katastrophe ausgelöst. In Italien besteht das Gesetz, dass jeder Anrecht auf eine Wohnung besitzt, auch wenn er zahlungsunfähig ist, somit waren den Behörden Hände und Füsse gebunden, um die wilde Inbesitznahme zu unterbinden und die regulären sozial unterbemittelten Antragstellenden einzuquartieren.
Da ebenfalls die versprochene Anknüpfung an das Metrosystem unterblieb, verwahrloste das Corviale durch Banden und Dorgenhandel und wurde zunehmend kriminalisiert. Erst Mitte der neunziger Jahre gelang es langsam, durch unterdessen etwas bewusstere Bewohner, die Misstände zu verringern. Das Gebäude zählt 8000 Bewohner.
Um diesen konfliktreichen Kontext zu interpretieren und zu vermitteln, genügte mir die rein fotografische Dokumentation nicht. Ich wollte den den Bewohnern selbst die Möglichkeit geben, sich zu präsentieren, ihre Lebenslage zu beschreiben. Ich offerierte ihnen die Projektgelder zum Aufbau einer Videogruppe, um ihre eigenen Clips zu produzieren. Dieselben sollten sie mir schliesslich zur Verfügung stellen, um sie dann innerhalb des Ausstellungskontextes zu zeigen.
Das Modell: Für den Ausstellungsbesucher sollte eine Situation geschaffen werden ein Display, wo er durch die Video-Clips zwar einen undogmatischen Einblick, kritisierend wie auch einfaches Leben ausstrahlend , mitbekommt. Er sollte aber auch nicht nur an den Monitoren oder den Projektionen kleben, sondern die Dimensionen räumlich erfahren. So entstand die Idee des Modelles als Sitzbank. Synonym zu den fünf Eingängen im wirklichen Gebäude befanden sich die Lautsprecher zu jeweils einem der Videokanäle. Der Ausstellungsbesucher setzte sich also regelrecht auf die Leute, welche über die Monitore der gegenüberliegenden Wand Eindrücke aus der inneren Wirklichkeit des Gebäudes lieferten.
Die Skulptur als Dokumentation also war athmosphärischer, erfahrbarer Einblick in eine sozial komplexe Situation; sie war auch mediale Aussenstation eines Quartieres. Das Projekt sah vor, damit innerhalb des Kunstkontextes nicht nur die Diskrepanz gewisser Bausünden anzuklagen, sondern die Vielschichtigkeit sozialen Lebens zu beschreiben, dies sowohl positiv wie negativ, also weder anklagend noch verherrlichend, sondern im Sinne von „Aufmerksamkeit erregen“ durch Veröffentlichung. Den Bewohnern wurde damit die Möglichkeit gegeben, neue Videos zu produzieren und sie bei Folgeausstellungen wieder durch die Kanäle zu senden.
Als transitorische Installation also war „One Life, one-Mile: in Rome geplant, auf Reisen geschickt als Display den nicht so ganz einfachen Eigendarstellungen der Bewohner zur Verfügung gestellt.
In gewisser Weise also wurde der Inhalt an die Wirklichkeit zurückgegeben. Eine Zurücknahme der durch die Kunst sonst üblichen persönlichen Stellungnahme wurde verweigert, um die eigentliche Präsentation als Serviceleistung anzubieten. Der Inhalt jedoch:
Und wahrscheinlich würde ich dies im Nachhinein als These aufbauen, wurde auch absichtlich offengelassen, um der unsere Welt bestimmenden Bilderflut und der damit verbundenen andersstrukturierten Kategorisierungen auszuweichen. Die Absicht war, auf das Zusammenspiel sozialer, kultureller wie architektonischer Phänomene hinzuweisen, sie aber nicht einer autorenbezogenen Interpretation zu unterwerfen.
Und vor allem auch mit dem Hintergedanken: Die in der Komplexität innewohnenden Diskrepanzen sollten nicht durch einmalige statische Darstellung verewigt werden, sondern der durch den Zeitlauf bestimmten Wandel ebenfalls in der Repräsentation aufgefangen. Obwohl das Corviale ein skandalöser Bau ist, finden sich trotzdem die an sich sehr positiven Ansätze des Architekten wieder. Obwohl es sich bei einer linear aufgebauten „Community“ nur um erbärmliche Zustände handeln kann, lassen sich in den selbstgedrehten Videos Euphorie und Lebensfreude nicht von zu klagenden Interviews überdecken. Verschiedene Standpunkte sind gleichzeitig und doch einzeln zu vernehmen.
Und wenn man durch die räumliche Gestaltung vielschichtige Prozesse miteinschliessen will, kommt unweigerlich die Frage nach der medialen Vermittlung heutiger Realitäten in Kunsträumen.
Die durch die Medien erstellten Wirklichkeiten sind nicht mehr eindeutig einer Metapher , einer Allegorie oder einem Realismus zuzuordnen. Überschneidungen finden statt, ein gleichzeitiges Eingelulltsein lässt sich empfinden wie auch eine enorme Distanz.
Durch den Einzug der Videoinstallation im Kunstmarkt sind Grenzen gefallen, das bewegte, zeitraubende Bild wird uns von den Wänden gestrahlt und es ringt uns sehr viel Zeit ab, Zeit, die eigentlich niemand hat! Es sind jene Grenzen gefallen, die uns eine Trennung des oben und unten erlaubten, Trennung zwischen anspruchsvoller Vermittlung und leichter Kost, Grenzen die seit der Erfindung des Fernsehens – ähnlich wie bei Winkelmann zwischen Antikenverehrung und profaner Kunstfertigkeit – zwischen der anspruchsvollen Kunst und den ephemerem Alltagsmedien TV gezogen wurden. Der Fernseher, der unterdessen die gesamten Innereinrichtung unserer Behausungen bestimmt. Auch wenn Videokunst schon seit seinem Bestehen in den sechziger Jahren nostalgisch avantgardistische Produktionen lieferte, so wurde sie erst in den neunzigern zum erholsamen Kunstgenuss erhoben. Man erlaubte nun, sich in einer Installation von Pipilotti Rist einfach wohlzufühlen, da sie schlichtweg die gesamte MTV-Sprache ins Musems übersetzte. Video wurde salonfähig und: Damit wurde gleichzeitig die bereits seit einiger Zeit im privaten Leben zum Standard unserer Wahrnehmung gehörende Erholung vor Projektionen und Bildschirmen in die heiligen Hallen der Museumswelt geholt (im übrigen so sinnbildlich dargestellt in Videodrome, einem Film von David Cronenberg, wo sich der Bildschirm sinnbildlich zur Plasmamasse wandelt und den Kopf des Betrachters einschliesst.) Dass durch die mit der Verbilligung des technischen Angebots einhergehende Vermehrung des bewegten Bildmaterials eine erweiterte Interpretation und Medien- und Raumkritik einzusetzen hat, scheint offensichtlich.
Dass hauptsächlich Fragen nach Authentizität aufs Parkett kommen, ebenfalls.
Gingen wir in den frühen achzigern noch von Jean Baudrillards Interpretation der postmodernen Scheinwelt aus, alles weder optimistisch noch pessimistisch zu beurteilen, sondern ironisch und antagonistisch zu kategorisieren, so haben wir uns noch ein Stück weiterbewegt und interessieren uns zunehmend für die gespielte Authentizität, die uns eine Echtheit in unsere Privaträume vortäuscht und gleichzeitig den heimischen Parkettboden unter den Füssen wegzieht. Man könnte etwas zynisch behaupten, auch unserer eigenen Fantasie- und Erlebnislosigkeit wird Vorschub geleistet. Wir kennen Blairwitch-Project aus dem Internet und als Film, und wir haben vielleicht den Ankauf der Senderechte der „The Bacheror“ – Serie durch RTL mitverfolgt. Eine Sendung aus den USA mit grosser Nachfrage und hohen Einschaltquoten. Wir lassen uns täuschen durch reale Vorgaben und amüsieren uns. Denn mit Amusement wird unsere Aufmerksamkeit gezeukelt. Die Lüge dabei, dass durch die journalistische Verfälschung etwas passiert, kann weder erkannt noch entschärft werden. Wir kommen nicht drum rum, die ausgestrahlte Bilderwelt als einen Spiegel unseres Selbst aufzunehmenvorhalten und in gewissen Richtungen bestätigt werden. Denn das Fernsehen, so schreibt Jeffrey Scheuer in „the sound bite society“, „encourages us to think of itself as the same thing as living. The ultimate artifact of modernism , it challenges and erodes the very concept of reality“.
Und weiter: „But it isn‘t just televison‘s ubiquity …, as a source of both fictional and factual narrative, that alters our sense of reality; it is also the narrative itself. Art at its best, in all forms and genres, plays continually with our sense of the real. …It takes us out of our daily experience to wrench, seduce, or guide us into new perspectives, and the returns us to Earth feeling enlarged. But TV is such a relentless simulator (and so inherently disinterested in our sense of what is real) that it does not return us to Earth but keeps us in orbit, so to speak, creating a permanent confusion of realities. … Televison, in most genres, is the opposite of art: it invades reality by stealth and displaces the real, both in our minds and in our daily lives.“
Scheuer‘s Plakatierungs des Fernsehens beruht natürlich auf der zunehmenden Kommerzialisierung des Mediums und damit der Verwässerung und Emotionalisierung gelieferter Informationen, vor allem vor dem politischen Hintergrund in Amerika, wo durch öffentliche Fernsehstationen keine sachliche Information mehr möglich ist. Er propagiert im weiteren die notwendige Schulung durch sogenannte Media Literacy, womit ein kritisches – wenn auch durch die Struktur des Programmes vorgegebenes – Fernsehschauen entworfen werden soll. Ich möchte nicht zu einer Fernsehkritik ansetzen, sondern die Zitate dazu benutzen , um die gedankliche Absicht meines Vortrages, eben auf die Vermischungen von Medialität und Raum in heutigen Präsentationsaktivitäten, innerhalb der Kunsträume aufmerksam zu machen. Eben das Display, der Inhalt und die Lüge der Bilder mit diesen Tatsachen in Verbindung zu bringen, wo wir heute am meisten, am ungeschorensten und unschuldigsten die Bilder aufnehmen.
Somit soll auch diese Tatsache, die Beschäftigung damit bei jeder künstlerischen, medialen Aktualität mit Neugierde der Nachforschung und Interpretation gespiesen werden.
„Whether or Not Community Defines the Media or the Media defines the community“. Also inwieweit prägen die Medien unsere Siedlungsgebiete oder inwieweit prägen die Siedlungsgebiete unsere Siedlungen.
Eine Frage, welcher ich in einer Nachforschung und einer transitorischen Installation nachging.
Es ging diesmal nicht um einen skandalumwitterten Städtebau, sondern darum, was in der westlichen Hemisphäre als absolute Normalität propagiert und angestrebt wird. Das Eigenheim, der Wunsch danach und vor allem das Leben in und durch die sich ausbreitenden Neubausiedlungen. Generell verfolge ich mit dem Projekt „Suburban Entity“ Untersuchungen, inwieweit die Medien Vermittler gewisser Lebenstile sind, oder die Lebensstile durch die Medien und vor allem durch das Fernsehen geprägt werden. Buckminster Fuller provozierte 1929 – bevor es den Fernsehen gab – die Frage, ob der Bildschirm in einer Wohnung zum Fenster wird oder umgekehrt. Bis heute kommen die Auswirkungen der digitalen Welt auf die Wohnformen über vage Vermutungen nicht hinaus.
„Das Etui“, wie Walter Benjamin die Wohnung noch bezeichnete, „füllt sich heute nicht nur mit Erinnerungsgegenständen, sondern mit dem Universum“. Die Welt ist im Privatraum abrufbar. Und durch die Verbreitung des Internets verlagert sich auch der geschäftliche Zugang zunehmend in die sogenannte Heimsphäre. Trotzdem scheint diese Entwicklung am eigentlichen Bedürfnis nach beständigem lokalen , grossräumigen Eigenbesitz nichts geändert zu haben. Die Vorstädte wachsen ins unermessliche, ja sie lösen sich von den eigentlichen Zentren und werden zunehmend zu unabhängigen Satelliten. Ganz Deutschland könnte als eine Vorstadt bezeichnet werden, natürlich auch die Schweiz, ohne Zweifel. Die Peripherie wird selbstständig und dadurch auch die Charakterisierung ihres Erscheinens. Der aus den sechziger Jahren bekannte Begriff des Global Village von Marshal MacLuhan erscheint nicht nur für die digitale Vernetzung zuzutreffen!
Vliem Flusser schreibt in seinem Aufsatz „Städte entwerfen“ in Vom Subjekt zum Projekt:
Die Stadt ist ein Werkzeug, das einigen erlaubt, philosophisch zu leben und daher den Weg für alle Stadtbewohner in den Himmel (die verlorene Heimat) zu öffnen. Gegen eine solche Anthropologie ist, wie immer sie formuliert sei, einiges einzuwenden. Vor allem dieses: Im Dorf gibt es keine Natur, sondern alles ist dort Kultur, und daher ist der Mensch dort kein widernatürliches Wesen, und es ist unnötig, Städte zu bauen. Im Dorf ist alles – die Gräser und die darauf etwas grasenden Wiederkäuer, aber auch die Bäume, Steine, Quellen und Sterne – in ebenbürtigem Wechselgespräch mit den Menschen. Schneidet man Gras, dann muss man sich dafür bei ihm entschuldigen (ihm opfern),

so nimmt er Bezug auf ursprunglichen Brauch …
und die Geister der Quellen sind verstorbene Menschen. Die beiden Seiten der Dorfstrasse entsprechen zwei Tierarten (Totems), und die Tierwelt ist nach der gleichen Ordnung wie in jener des Dorfs geregelt. Das Dorf schliesst die ganze Welt ein im Russischen heisst „mir“ noch immer Dorf wie Welt -, und dies einsehen heisst kultiviert leben. …

In ganz prägnänten Sätzen beschreibt er darin den kulturhistorsichen Wunsch. Und weiter im selben Text die Komplexität des heutigen Stadtentwurfes wie folgt (S.57): Die Städtebauer werden ein Netzwerk aus reversiblen materiellen und immateriellen Kabeln spinnen (und haben bereits begonnen), sie werden durch diese Kabel Informationen laufen lassen , dass sie an jedem Ort des Netzes zugleich und zur Gänze abrufbar sind ( und haben bereits begonnen), sie werden in dieses Netz Raster und Gedächtnisse einbauen (und haben damit bereits begonnen), und sie werden die Informationen mit immer operativeren Codes verschlüsseln . Geographisch gesehen wird also die Stadt den ganzen Erdball umfassen.

Suburban Entity, also in der Übersetzung ungefähr so zu verstehen wie Wesenheit der Vorstädte, die Eigenschaft der Siedlungsentwicklung, Einheit der Vorstadt, versucht, ein von mir hypothetisch in die Welt gesetztes Kulturprodukt zu kreieren, eine Serviceleistung anzubieten. Durch das betrachten verschiedener weit voneinander entfernter Siedlungsgebiete versuche ich, Verbindungen zu schaffen, ohne mich auf die jeweiligen, nahegelegen Zentren zu beziehen.
Ich selbst versuchte somit nicht eine Utopie zu erzeugen, wie es doch einmal aussehen sollte oder könnte, sondern eher eine Konstruktion zu wagen, die mir vorgestellten und heute vorhandenen technischen Kommunikationswege zu beschreiben.
Architektonische, physische Formen, effektive visuelle Erscheinung spielen zur Wiedergabe keine Rolle mehr, sondern der imitierende postpostmodernistische Stil zeitgenössischer Tendenzen wird noch überspitzt, indem Dekors und psychologisch nützliche Gegenstände schon gar nicht mehr als materialisierte Imitation auftauchen. Eine verallgemeinernde Modellkonstruktion wurde entworfen, welche das Bedürfnis der Höhle und des Geborgensein mit zeitgemässen Mitteln wiedergibt. Die hier abgebildeten Hauskonstruktionen zitieren Wellblechhütten Zeltbauten, etc. Sie sind gänzlich als transportable Objekte konzipiert, Holz wird hauptsächlich mit Klettverschluss zusammengehalten, ähnlich wie Kostümkleider für Filmarbeiten. In dem eine Siedlung suggerierenden Ausstellungsarrangement wird das Gespräch über den Gartenzaun ergänzt durch die Informationen und Eindrücke, medial empfangen und gesendet, direkt in jede Einheit. Als ob nun durch unsere Technologien die vernetzte Welt in jedem Haus implodieren würde und im innern in kleinen Partikeln zu einer Miniaturwelt zusammengefügt wird.

Die Eigendefinition also läuft gleichzeitig über die Medien, weil die Medien unter uns eine nicht nur informative Wirklichkeit verbreiten, sondern auch eine emotional kompensatorische Rolle übernehmen. Eine interaktive, ob ich sie nun benutze oder nicht. Das Leben in der Peripherie feiert seine Unabhängigkeit! So der Jubelschrei! Verknüpft und angebunden in ganz anderer Art zelebriert es seine Reserviertheit!

Doch wie sieht denn generell ein Leben in diesem suburbanen Kosmos aus?
Ich versuchte, gewisse Phänomene als spannende, zeitgenössische Tatsachen aufzubauen. Vielleicht aus ähnlichen Gründen wie es einmal Dan Graham mit seiner Fotoserie zu den urban developments getan hat, oder Flischli-Weiss, oder Richard Prinz.

Und trotzdem, wie sieht denn dieses suburbane Leben aus? Wieviel wird im sozialen Kontext danach gestrebt, eine in sich abgeschlossene heimische Ganzheit zu konstruieren mit sämtlichen Versatzstücken?
Wann wird gerade die mediale Wirklichkeit zur Lebenswelt und umgekehrt?
Die direkten Fragen, die ich über eine Internetplattform und im direkten Austausch an die Bewohner verschiedener Siedlungsgebiete Europas und Amerikas richtete, stiess auf ganz unterschiedliche Reaktionen.
Wohlwissend, dass es mir nicht so sehr um die Antworten ging, als vielmehr um das Erleben, die Kontaktaufnahme, die örtlichen Empfindungen und das direkte Entdecken kleiner Differenzierungen in einem Bereich, der generell als Normal und nicht zu beachten gilt.
Es ging mir bei den Fragestellungen und Kontaktaufnahmen auch nicht darum, diffamierende Sensationen zu finden, Misstände zu entblössen, oder anzustrebende perfekte Welten zu entdecken. Vielmehr ging es mir um den möglicherweise zu initierenden Prozess des Austausches, einer Kooperation, welche in den Kunstkontext überführt werden sollte.
Darin wurde die Frage nach dem heute möglichen Authentischen, oder unserem generellen Umgang mit Medien zum zentralen Thema, eine Lösung zu finden, sozusagen eine eigenständige Quintessenz zu schaffen, Räume zu schaffen, welche auf der anderen Seite die Medialität der Kunst ebenfalls miteinbeziehen.
Ich habe Teilnehmer und Interessenten gebeten, sich mit einer bereits medial verfügbaren persönlichen DARSTELLUNG zu identifizieren und im Nachhinein vor laufender Kamera zu erzählen.
Einerseits sollte damit ein gewisser persönlicher Schutz gewahrt werden. Anderererseits habe ich damit zu direkter Partizipation animeren können. Die Soap Opera, die daily soaps sollten die narrative Grundlage liefern.

Diese Fernsehserien vermitteln keine Sensationen, sondern geben fortlaufend Einblick in persönliche Lebenswelten, welche haarscharf an der Grenze der wirklichen Umstände konzipiert werden. Sie richten sich nach gesellschaftlichen Tendenzen des Zusammenlebens, nehmen Konflikte vorweg, ja manchmal auch mit politischen Prioritäten. Sie geben einen Spiegel wieder, versuchen Spiegel zu sein.

Den Zuschauern zu Hause wird damit die Möglichkeit gegeben, nebst ihrem eigenen sozialen Umfeld in eine mediale Familie hineinzuschauen, deren Erlebnisse zu teilen und mitzuleiden oder sich mitzufreuen, zu heulen oder zu fluchen. Von gewissen therapeutischen Wirkungen zu sprechen würde ich erstmal abraten, jedoch die Aktualität dieser medialen Kreation betonen. Sie haben einen wesentlichen sozialen Einfluss, und dies wahrscheinlich, ob man sie nun anschaut oder nicht, ob man darüber Bescheid weiss oder nicht, wahrscheinlich mehr als irgendein theoretischer Text zu den sozialen Verhältnissen, irgendwo in einem Feuilleton veröffentlicht. Auch die gesellschaftliche Bedeutung von Ideologie oder nicht-Ideologie macht sich breit.
Die ausgeklügelten Produktionsmaschinen der Soaps und Sitcoms – sowohl in den USA wie in Europa – stehen in SUBURBAN ENTITY der anderen ausgeklügelten Maschinerie der Eigenheimproduktion gegenüber, den unerfahrenen Schauspieler gleichwohl einbauend. Sie lassen Nähe entstehen zu dem, was auf dem Bildschirm passiert. Sie kreiert Athmosphäre.
Ich benutze die bereits vorhandene Dramaturgie, die eigentliche soziale gesellschaftliche Abstraktion, welche durch das Fernsehen vermittelt wird, um Befragten und Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, ein ebenso abstraktes Ich-Bild in ihren eigenen Häusern vor die Kamera zu bringen.
Eine dreissig-minütige Episode wird durchschnittlich in 3 Minuten in der Ich-form erzählt.
Zwischen den Zeilen fliesst darin immer eine Menge Eigenintepretation hinein. Und für den Betrachter bleibt im nachhinein die Frage ungelöst, erzählt diese Person tatsächlich aus ihrem eigenen Leben, oder spielt sie. Und gerade diese Fragen werfen uns wieder auf unsere eigene mediale Erfahrung zurück, auf die permanente Frage nach Authentizität , welche eher darüber geklärt werden kann, wieviel will wir zu unserem eigenen Wohl glauben wollen und in Unwahrheit lassen können und wieviel wir tatsächlich wissen müssen um mit der Realität als Realität, mit der Realität als Unterhaltung zu spielen.

Vor diesen Hintergründen werden die Bauten von Suburban Entity als minimalisierte Höhlen zur dreidimensionalen Projektionswand, welche nur dank dem medialen Einschalten zu einer belebten Athmosphäre gelangen.
Innerhalb heutiger Ausstellungstechnik also versucht das Projekt zwei Sachen zu bewirken:
Einerseits die Versatzarchitektur des Siedlungsbaus zu thematisieren, und andererseits die uns betreffenden realen, sozialen kommunikativen Situationen „als Geister- und projizierte Einrichtungswelt“ ins Museum hineinzuholen. Es sind dann die offensichtlich „gelogenen“ Bilder, die jedoch, so meine Behauptung, mehr von Charakter und Situation beschreiben als jegliche vor der Kamera eingestandene Tatsache.

Dabei besteht ebenfalls der Versuch, trotz aller abgeschlossenen Erscheinung der Modellbauten, daraufhinzuweisen, dass sie je nach Ort und Stimmung, verschieden bespielt werden, ja dass unter Umständen über das Internet und anderer Medien ein Kanal aufgebaut wird aus den Siedlungsgebieten heraus in das Museum hinein.
Die sich in ihrer Privatheit ausbreitende normale Welt beschaut und bespielt sich innerhalb der von ihr geschaffenen Kunsträumen selbst. Andererseits rettet ihre direkte Teilnahme die vor sich hin darbende Kultur! denn ihr persönliches Interesse wird durch ihre eigene Beteiligung geährleistet.
Also in diesem Sinne war und ist wahrscheinlich Suburban Entity doch meine eigene konstruierte Utopie des universalen globalen Dorfplatzes, der durch die Siedlungen verschiedenster Gegenden benutzt und bespielt wird. Im Museum,, welches von sich aus die Funktion des aus der direkten Realität losgelösten Tempels der Kontemplation übernimmt, werden die Modelle von der Decke her eingespiessen.
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Und so wird das Display zum Träger des trügerischen Bildes zur eigentlichen Lüge des Bildes, mit dem Vortäuschen einer persönlich gezeigten Authentizität.
In Suburban Entity wird diese Lüge der Bilder direkt integriert um unter Umständen dadurch, in der transitorischen Ausstellung noch mehr Animation zu bewirken und die Auslastung des interaktiven, partizipatorischen Charakters des Projektes auszuschöpfen.

Es gibt natürlich ganz anektotische Gründe, warum mich diese Lüge das Bildes und der Ehrgeiz an der Variabilität des Betroffenmachenden immer wieder beschäftigt.
Dazu ein Zitat von Christoph Doswald, Kunstvermittler, in diesem Jahr prämiert mit dem Eidgenössischen Preis für kunst- und Architekturvermittlung.
„Die gesteigerte massenmediale Präsenz führt beispielsweise dazu, dass Werke, die sich gut abbilden lassen, das heisst, die gut ins LayOut des Mediums passen, tendenziell favorisiert werden. Einseitige Berichterstattung ist das Resultat, das der Leser vorgesetzt bekommt, mediengängige Werke der Anspruch, mit dem sich Künstler auseinandersetzen müssen.“
Einerseits ist wie eben erwähnt die heutige Sensationsmanie, welche durch die Medien verbreitet wird, ausschlaggebend, andererseits aber auch die direkte Erfahrung mit und durch die mediale Vermittlung installativer Raumgestaltung (Bild). Immer bleibt die Sicht durch die charakterprägende Fotografie auf einen Blick beschränkt. Somit ergibt es sich, dass gewisse Installationen sehr fotogen erscheinen, andere weniger. Ich hatte in den achziger Jahren eher durch Zufall das Glück zu den fotogenen Installationskünstlern zu gehören. (Bild) Die Neugierde und die Feststellung gerade dieser Mechanismen schliesslich legen wiederum offen, in welcher Weise Inhalte im Raum und vor allem auch im Display dispositioniert werden. Nicht nur als eine formgebende haptische Raumgestaltung, sondern gleichzeitig als eine medialiserte Version des Kunstschaffens und dessen inhaltlichem Einbezug. Nicht nur als Kunst und Kontext sondern gleichzeitig als Raumerfahrung, die eben vor dem Hintergrund des heutigen Medienbezugs und -verhältnisses zu Material überhaupt stattfindet.
Die Scheinwelten, durch Mediale Projektionen hineingeworfen, verführen, aber sie zeigen auch die Mannigfaltigkeit und die inhaltliche Dimension, welche sich immer haarscharf an der Grenze des puren Sensationalismus bewegt.

Dem allem entsprechend also können die medialen, installativen Wirkungen auch eine delikate Situation hervorrufen, denn durch die verfielfältigte Präsentation wird es einerseits stärker möglich Kunst selbst zu einer respektierten gesellschaftlichen Tätigkeit umzuformieren, andererseits aber – und vor allem bei rückläufiger Kultursubvention, bleibt die Beurteilung dessen durch die reine mediale Verwendung auf der Strecke,
so wie Doswald betont, muss vermehrt den eigenständigen und „unbequemen Positionen“ in der Kunst der Rücken gestärkt werden.
Dies jedoch verlangt nach ganz besonderen Kriterien … Einen kurzen Verweis erlaube ich mir hier nocheinmal und zeige ihnen ein paar Bilder einer Raumarbeit, die durch ihre Inhaltlosigkeit , aber durch Ihre Sehnsucht nach Inhalt, oft schon gar nicht bemerkt wurde. Als eine Art Nebenbeschäftigung habe ich seit einigen Jahren Satellitenschüsseln nachgeformt. Einerseits aus Lust an ihrer so makellosen Form, andererseits aus Vergnügen an ihrem öffentlichen, teilweise Fassade verschandelnden Erscheinen. Ich habe sie auf Reisen in den verschiendensten Orten fotografiert und ich habe die Attrapen bei Ausstellungen an die Fassaden der Museen und Galerien montiert.
Natürlich wurden sie schon gar nicht wahrgenommen. Dazu hätte man genauer hinschauen müssen, um den minimalen Unterschied zwischen echter und falscher Schüssel zu entdecken. Es hätte ja sein können, dass Museen und Galerien nun auch nach dem aus dem „Äther“ kommenden Informationen lechzen.
So wie Flusser treffend beschreibt:
„Es sind wie aufgerissene Mäuler zum Fressen des Unvorstellbaren: Und was dann als letztes Resultat dieses Saugens an Unvorstellbaren aus der Kiste (dem Fernseher) herauskommt, sind unbegreifliche Vorstellungen (falsch entzifferte Technobilder). … Die Antennen sind der zu material geronnene Wille, das Unvorstellbare zu konsumieren.“

Aber auch die Produktion sollte imitiert werden, auch meine eigene vorgenommene Nachahmung des Satellitenschüsslebauens wurde nocheinmal als Archiv und falscher Arbeitsplatz zur Herstellung von Empfangsanlagen geschaffen. Diesmal zur Verdeutlichung des Heimwerkers, des Kunstschaffenden mit Medien beschäftigt.

Der künstlerischen Gestaltung von Raum sieht sich somit folgender problematik ausgesetzt: Wie hole ich die Medien, von welchen wir alle so begeistert waren am Ende des 20.Jahrhunderts, die unterdessen zu Alltagsuntensilien geworden sind, in den real einsehbaren Raum? Welche Varianten bieten sich an, sowohl theoretisch wie auch praktisch sinnvoll damit umzugehen?
Die Theorie der Medien und ihre Entwicklungsprozesse wird zu vefolgen sein, das notwendige Übersetzen des gesellschaftlichen Umgangs mit virtuellen Räumen zu beobachten, um entsprechende Lösungen zu finden vor allem im Hinblick der zu beurteilenden künstlerischen Gestaltung des somatischen Raumes. Wieviel Emotionaltät wird wo sichtbar und verlangt, und wieviel Überlegung kann eingebaut werden.
Wie sieht die Produktion und vor allem auch die Resourcenplanung aus,
um in einer Praxis die Gestaltung zu ermöglichen?

Wann und wie werden Formen der Zeit durch den Medienbezug interssant , weil sie nicht als Forderung sondern als Angebot dem Betrachter zur Kontemplation verhelfen. Wie gestaltet sich die cinematografische Bildfolge als direkte Erfahrbarkeit und wie wird sie inszeniert?
Wann sind Erscheinung innerhalb der Kunst eher entmaterialisiert, obwohl sie als real gebaute Körper und gestaltete Räume ertastbar sind?

… und nun… davon habe ich nun kaum gesprochen, obwohl es uns wahrscheinlich in naher Zukunft vermehrt beschäftigen wird: Wie lässt sich der praktische Einbezug der virtuellen und digitalen Kommunikationsräume gestalten?
Sie müssen interpretiert werden, irgendwie, sie müssen ebenfalls kritisch beleuchtet werden, denn sie sind bereits Teil unseres Alltags. Aber ihre potentielle Interaktivität verlangt einen ganz anderen Zugang, von dem wir heute nur Fragmente erahnen.
Ein spannendes Unterfangen mit vielen ungelösten Aspekten, aber auch eine Möglichkeit, historische Fäden neu zu entdecken. Denn an die Recherchen über das Internet haben wir uns gewohnt, auch wenn wir immer wieder froh darüber sind, auf eine Website eines wissenschaftlichen Institutes zu stossen, welches uns mit dem Interface bekannte Bilder zu althergebrachten Werten – z.B. ein mittelalterliches Buch – vortäuscht…
Wenn auch nur hauchdünn auf der Mattscheibe, aber die historischen Grundlagen scheinen uns heute besser zur Verfügung zu stehen. …