Die Las Vegas_Formel

Prof. Hannes Brunner (1996-2003 Muthesius-Hochschule für Kunst und Gestaltung, Kiel)
Prof.Dr.Albrecht Irle, (Mathematisches Seminar , Christian Albrechts-Universität, Kiel)

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Das Forschungsprojekt beabsichtigt, Verbindungen zwischen der Mathematik des Glückspiels und der Geometrie der Lichtprojektion zu erkunden.
Was sich (in Las Vegas) als eine unternehmerische Welt der Spiel-Ökonomie mit Chancen (sorgfältig kontrolliert durch Marktstrategien) präsentiert, ist gleichzeitig abhängig von “Zutaten”, die es einmal zu gestalten, zu kreieren und zu entwerfen galt. Das Forschungsprojekt beabsichtigt, dies in und aus der Strategie und der Berechnungsmöglichkeit des Glückspiel zu entwickeln, welches durch Formeln verabreicht wird. Abwägig ist diese Herangehensweise nicht, wenn man bedenkt, wie sich die Moderne aus dem Vokabular einer industriellen Produktion bediente. Warum sich also nicht aus der ökonomischen Wirklichkeit einer spekulativen Spielwelt bedienen? Und wieviel mehr hat sie nicht mit den Tatsachen einer völlig abstrahierten, jedoch uns allen verständlichen Raumvorstellung zu tun?

1
Prof.Hannes Brunner:
Las Vegas- Ein kleiner geschichtlicher Überblick

Las Vegas wurde am 15 Mai 1905 per Gesetz als Stadt gegründet, damals mit einer gesamten Grundfläche von ca 45 hektaren und an die 800 Einwohnern. Also eine ganz kleine Siedlung, deren erstmalige Erwähnung auf die Spanier zurückgeht, als sie im 17.Jh den Westen kolonisierten. In der folgenden ersten Hälfte des 20 Jh profitierte diese neugegründete Stadt vom Anschluss an das Eisenbahnnetz, von der Ausbeutung der Bodenschätze
Als 1931 im Staate Nevada das Glücksspiel legalisiert, Heirat und Scheidung sowohl vom Staat wie von der Kirche losgelöst wurden, ging es gerade noch einmal 3 Monate, bis die ersten Lizenzen für Casino in Las Vegas vergeben wurden.
Vor allem nach dem 2.Weltkrieg begann das grosse legale Geschäft mit Unternehmen, die im Spielsektor arbeiteten. 1960 schliesslich zählt die Stadt bereits 64000 Einwohner. Dann steigt die Zahl weiter bis 1995 auf 370 000 an, mit dem gesamten Bezirk: auf über eine Million. Und es wird vemutet, dass Las Vegas im Jahre 2005 2 Mio Einwohner zählen wird. Eine Stadt also mit einem Zuwachs von null auf zwei Millionen in hundert Jahren!

Las Vegas geistert als vorortetes, unübertroffenes Vabanque – Unternehmen, bei dem alles auf dem Spiel steht, durch unsere modernen Geister und ist in etwa mit einem Ort zu vergleichen, an welchen wir immer wieder hin möchten, sei es, um uns die Extravaganzen selber vor Augen zu führen, sei es, um erfolgreich – nach dem jubilierenden Gewinnen im Spiel – oder todunglücklich – wie in Dostojewskis “Spieler? – wiederzukehren. In den letzten Jahrzehnten ist Las Vegas aber nicht mehr nur Kulisse dieser ordinären Wünsche von Lebensabenteurern und Glücksspielern gewesen. Zunehmend wird es auch zur Sehenswürdigkeit für viele Familienreisende, ganz zu schweigen von jenen, die sich – schnell und kurz, für immer und ewig! – die Treue schwören möchten.

Nun liegt also Las Vegas in Nevada und wie es Kranes beschreibt: Ne-Vada heisst auch – oder besser: könnte auch heissen: geh nie dorthin!

Las Vegas, aus der Erscheinung der üblichen Western-Bretter-Bude-Kulisse entstanden, – über Nacht? -in den Wüstensand gesetzt, hat seinen besonderen Status über die Ausbeutung der Bodenschätze durch die Weissen Siedler und über die in Nevada gesetzliche Zulassung von Glückspiel erhalten. Die Siedlung in der Wüste jedoch schien gerade – neben der Ansiedlung zahlreicher militärisch verbundener Produktionen nach dem II.Weltkrieg – von der Regelung profitiert zu haben (im Gegensatz zu anderen Städten), und sie wurde Anziehungspunkt für die sonst im puritanischen Amerika nicht so gebilligten gesellschaftlichen “Notwendigkeiten” des Spielenkönnens. Damit versprach Las Vegas nicht nur Schattenseiten städtischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern setzte durch die unverblümte Billigung Masstäbe mit sich selbst übertreffenden Superlativen der Event- und Vergnügungsmaschinerie. Las Vegas als Lebenswelt wird – bezüglich pluralistischem Kulturverständnis – den von Studierenden der Yale-University im Jahre 1968 angesetzten Charakterisierung “of the Great Proletarian Cultural Locomotive? absolut gerecht! Sie ist die in den USA am schnellsten wachsende Stadt. Dies erst recht seit dem Thomas Krens als “Topmanager? des sich zum globalisierten Konzern wandelnen Guggenheim Stiftung ebenfalls eine Museums-Filiale im Venetian-Palace von Las Vegas gesichert hat. Damit markiert die Vermischung von “Fine Art ” und “Fake- Eye-Catching? eine neue Superlative, eine benutzte Verdrehung der Wirklichkeitswahrnehmungen, die dem spielerischen Verwirrspiel medial erzeugter Welten entspricht.

Las Vegas als Instant-Angebot für ein neues Leben ist ein singuläres Phänomen des urbanen Daseins und ein Sonderkapitel des American way of life. Das ist wohl der Grund, warum gerade Intellektuelle diese Stadt in liebender Verachtung ins Visier genommen und sie sehend und denkend vermessen haben, so, wie man es mit einem prähistorischen Fund macht.

Prof.Dr.Albrecht Irle (mathematisches Seminar, Christian-Albrecht Universität, Kiel):

Geschichte: Glückspiel-Chancengleichheit

Prof.Hannes Brunner:

Die Visuelle Verführung
Zu größtem Ruhm verhalf Las Vegas der Architekturtheoretiker Robert Venturi, der sich dort 1968 zusammen mit seiner Frau Denise Scott Brown und Studierenden einnistete. Ihr viel zitierter Report “Lernen von Las Vegas” (1978) wurde mit seinem Plädoyer für die zwischen dem Strip und den Kasinos dokumentierte Ästhetik des Ephemeren und der stilistischen Zitate und Mesalliancen zu einem Grundtext der Postmoderne.

Jean Baudrillard schwärmte in seinem Buchessay Amerika (1995) von der “bezaubernden Diskontinuität” der Landschaft im Kontrast von Licht und Finsternis und den “erinnerungslosen Räumen”.

Den Bericht von Venturi möchte ich in einigen Stichworten beschreiben und damit einige reflektierte und zu überlegenden Aspekte vorgefundener visueller Welt geben:.

1.
Das Primat des Symbolischen vor reiner Form:
Las Vegas als räumliches Kommunikationssystem

Die Sichtweisen des Autofahrers wird in die Analyse urbaner Erscheinung aufgenommen . Schilder, Reklamen, etc, richten sich nach dem nach vorwärts gerichteten Blick des Fahrers und Beifahrers. Etwas anderes wird kaum wahrgenommen.
In Las Vegas, am Strip, der Strasse durch Las Vegas, gibt es drei Systeme von Botschaften:
1. Die emblematischen Zeichen, die alles dominieren
2. Die Physiognomischen, die sich durch die Erscheinungen der Bauten (Balkone durchgehend, Bungalows etc.) manifestieren
3. Die an die Lage gebundene Botschaft (Casinos vor Hotels, Parkplätze mit den fast rituellen Parkplatzdiensten)
Diese Beziehungen, die Kombinationen zwischen den Zeichen und den Gebäuden, zwischen der Architektur und den symbolischen Bezügen, zwischen Form und Inhalt, zwischen Strasse und dem Stadtrand längs der Strasse, sind äusserst wichtig für die beschriebene Welt.

2.
Methoden der Karten und Grundrisse greifen nicht
Man braucht andere Methoden um eine Ordnung zum Strip in seiner Eigendynamik aufzunehmen als dies für sonstige Stadbeschreibung oder öffentliche Gestaltung notwendig ist.
Zitat:
“Der Strip entzieht sich unserem Verständnis von Stadtform und Stadtraum, wie sie die bisherige historische Erfahrung bestimmt haben. Er hat mit Haussmanns Boulevard so wenig zu tun wie mit der Ville Radieuse… Frank Loyd Wright hätte ihn für das Zerrbild von Broadacre City gehalten…
Obwohl die Bauweise am Strip an eine Vielzahl historischer Stile erinnert, ist doch die eigentliche Organisation des Stadtraums selbst völlig unvergleichbar. … Der öffentliche Raum ist in Las Vegas weder zusammengehalten und umschlossen, wie im Mittelalter, noch klassich ausgewogen, ausbalanciert, wie während der Renaissance, — keinesweg auch umfliesst der Raum in Las Vegas freistehende städtische Raumdeterminanten wie in der Moderne.”

Der Strip also scheint etwas ganz anderes zu sein, aber was?
Keineswegs Chaos, sondern eine neue räumliche Ordnung, die ganz auf die Merkmale des Autoverkehrs und seinen auch statischen Bezug innerhalb einer Geschäftswelt Bezug nimmt. Der Strip scheint sich einer anderen Selbstorganisation zu unterwerfen.

Diese Fragen sollen uns innerhalb des vorgenommenen Kunst-und Mathematikprojektes noch weiter beschäftigen

3.
Las Vegas als Muster von Aktivitäten
Oekonomischer Art,
Räumliche Muster -Zeitliches Muster
Zitat (Venturi):
“Der Strip von Las Vegas ist kein chaotisches Gemenge, sondern besteht aus den räumlichen Manifestationen einer begrenzten Zahl von Aktivitäten, die wie in anderen Städten auch, von den technologischen Gegebenheiten der Fortbewegung, der Kommunikation von Nachrichten und dem ökonomischen Wert der jeweiligen Grundstücke mitbestimmt worden sind.
– Der Strip ist ein Sonderfall ökonomischer Landnutzung, etc
– Flächennutzung ist enorm verschwenderisch
– Das Gesamtsystem der Wechsel von Bewegung,
Durchgangsverkehr, Fussgänger etc.

“Der Strip ist gewachsen und vielleicht bauten seine Pionier gerade deshalb ausserhalb der (damaligen ) Stadtgrenzen, um sich der Beaufsichtigung zu entziehen. Heute gelten natürlich dieselben Vorschriften. Doch lautete vom analytischen her damals die Frage: Wie soll es dem Strip, dieser gewachsenen Struktur ergehen, wenn die Apostel des guten Geschmacks sich durchsetzen sollten?

Nun gibt es laut Venturi – und auch nach meinen Nachforschungen – beabsichtigte Stadtverschönerungs-Überlegungen in Las Vegas. Die sahen damals folgendermassen aus:
Ästhetizisten: ” Die städtische Umwelt ist das Medium von Kommunikation… Werbezeichen verstärken und präzisieren diese Kommunikation …”
Hersteller von Werbezeichen: ” Die Zeichen sind positiv zu beurteilen. Sie nützen dem Geschäft, und deshalb sind sie auch gut für unser Amerika…(das der 60er/70er Jahre)
Gesetzgeber:”Wenn Sie diesen geringfügigen Erfordernissen nachkommen, meine Herren, profitieren wir doch nur alle davon: Wir können eine gewisse Gebühr für unsere Stadt erheben und Sie, meine Herren, können weiterhin ihr Sender-Botschaft-Empfänger-Antwort-Spiel betreiben”

4.
Die Moderne im Vergleich
Und damit kommen wir langsam zur Essenz und heute wahrscheinlich tragenden Wirkung von Ventur’s Bericht
MIES VAN DER ROHE und der Doppel-T-Träger, der ebenfalls Ornament ist, jedoch in einer Zeit der technischen Moderne als Zeichen des Funktionalismus verstanden wird.
Die Verkleidung soll nur bedingt genutzt werden und unter verschiedenen Aspekten. Jedoch ist nach wie vor symptomatisch wie sich durch die Betonung des Funktionalismus neue Varianten der Symbolik manifestierten und nachträglich auch überzeugten

Und das Licht
Zitat:
“Zur Nacht ist der Strip eine Anhäufung symbolischer Erscheinungen in einem dunklen, konturenlosen Raum… jedes Gefühl für ein Umgebensein, für eine Richtung verdankt sich leuchtenden Zeichen, kaum aber beleuchteten Formen. Der Strip ist beherrscht durch direktes Licht, die Zeichen selbst sind seine Quelle. Sie reflektieren es nicht, es beleuchtet sie nicht aus von ihnen geschiedenen, etwas gar verborgenen Quellen, wie das bei den meisten grossen Reklametafeln und bei moderner Architektur geschieht. Neonlichter sind in rascher Bewegung. Lichtstärke und Bewegungstempo sind enorm, um mit den grösseren Räumen, grösseren Geschwindigkeiten und der Reizüberflutung mithalten zu können, die unsere Technologie erlaubt und an die wir uns gewöhnt haben.
… und nun das entscheidende im Zitat:
“Auch das Tempo ökonomischen Wandels fördert die veränderbare, auswechselbare Dekoration unserer Umwelt, wie wir das von Werbekunst her kennen. Die Architektur ist hier definitiv nicht mehr nur das “gekonnte, genaue und grossartige Spiel von Massen im hellen Licht des Tages”
Tagsüber ist der Strip nicht wiederzuerkennen; er hat nichts Byzantinisches mehr. Die Formen der Gebäude sind nun sichtbar, bleiben im optischen Eindruck und in der symbolischen Mitteilung aber weit hinter den Zeichen zurück (die nachts leuchteten). Der städtische Raum ist nicht geschlossen, nicht bergend. Er ist unbestimmt und nur durch singuläre Punkte identifizierbar… Das sind dann (laut Venturi) zweidimensionale oder auch plastische Symbole, nicht aber symbolische Gebäude. Und damit wird wahrscheinlich ein entscheidender Unterschied bezeichnet.
Zitat:
“Ähnlich der unüberschaubaren Ansammlung von Architektur auf dem Forum Romanum ist bei Tage, wenn nur die Formen, nicht aber ihr symbolischer Kontext wahrzunehmen sind, auch der Strip nur noch optisches Chaos. Wie der Strip – so Venturi – war auch das Forum eine Kunstlandschaft mit verschiedenen Symbolschichten, deren Bedeutungen durch die Anlage der Strassen und der Bauten und schliesslich durch die Masse übereinander aufragender Statuen erschlossen werden musste. Formal gesehen, war das Forum ein fürchterliches Durcheinander, symbolisch dagegen eine reiche Mischung.

(“Beim Anblick des Strip erkennen sie (die Architekten) jedenfalls nicht das Gesicht einer sich entwickelnden Stadt. Dort ist ihnen einerseits alles vertraut, zu gewohnt, und andererseits finden sie nichts von dem wieder, auf das zu achten man ihnen einmal beigebracht hat.” )

5. Form und Gestalt
Ist Form ein Resultat der Anwendung physikalischer oder mathematischer Gesetze?
Venturi verfolgt diese Frage anhand der Recherchen und Thesen von Alan Colquhoun zu “Typology and Design Method”, welcher sie verneint: “Nicht nur seien die Gesetze selbst menschliche Konstrukte, sie legten in der wirklichen Welt, selbst in der Welt fortgeschrittener Technologien die Form nicht in jeder Hinsicht fest: Es verblieben Bereiche freier Verfügbarkeit.
Die Fixierung auf physikalische Gesetze und die empirischen Ausgangsbedingungen als den wesentlichen Bestimmungsmomenten von Form in den Theorien der architektonischen Moderne nennt Colquhoun eine “bio-technizistischen Determinismus”.
Und etwas abschätzig heisst es weiter:
” Was bei oberflächlicher Betrachtung als genauer, rational gesteuerter und kontrollierter Entwurfsprozess erscheint, erweist sich paradoxerweise als mystizistischer Glaube an einen intuitiven Akt.”
Dies wird schliesslich von Venturi dazu zitiert, um das Definitionsvakuum für die intuitv heranwachsenden architektonischen Erscheinungen von Las Vegas auszufüllen, wodurch schliesslich die architektonische Wirklichkeit der am Strip vorhandenen Erscheinung salonfähig wird.

6. Der dekorierte Schuppen
In und durch die Moderne also geschieht – und unterdessen widerlegt – Ignoranz gegenüber den dekorativen Aspekten : Genauere Bedeutung und Assoziation über Bau soll nicht aus der Fassade heraus, sondern aus dem Baukörper zu entwickeln sein.
Zitat:
“Ein Widerspruch zwischen dem, was man sagt, und dem was man tut, war typisch für die Architektur der frühen Moderne. Walter Gropius bestritt jede Brauchbarkeit des Begriffs “Internationaler Stil”, schuf aber selbst einen Architekturstil und verbreitete ein Vokabular industrieller Formen, das direkt aus der industriellen Fertigung stammte. Adolf Loos verdammte das Ornament, verwandte bei seinen eigenen Entwürfen jedoch wunderschöne Muster..”
.. Und weiter:
“wir (Venturi/Rauch) haben diesen Katalog, nichtfunktionaler funktionaler Elemente nicht deswegen zusammengestellt um daran Kritik zu üben, sondern um darin den versteckten Symbolismus aufzuzeigen.”
Und so richtet sich Venturi’s Kritik in erster Linie gegen die Weigerung der Architekten (der Moderne), sich die Existenz des Symbolischen in der Architektur einzugestehen. Damit erlaubt wahrscheinlich Venturi’s Recherche und Analyse die weitläufigste Beweisführung und Rechtfertigung einer an auf Zeichen reduzierte Fronterscheinung der Gebäude.

Die von uns beabsichtigte Weiterführung dieser Untersuchung spielt einerseits mit dem Ansatz neuer mathematischer Gesetze und des veränderten wissenschaftlichen Selbstverständnisses visueller Modellvorstellungen, sowie der Gebräuchlichkeit vorhandener Bausubstanzen und Erscheinungsbilder. Gleichzeitig werden Verweise auf eine durch die Oekonomie geprägte Form und Gestalt ganz neue Aspekte anfügen.
Die Frage bleibt offen, in wieweit es uns gelingen wird, eine zukünftige, öffentliche Gestaltung durch weiterhin entleerten Formalismus zu vermeiden, oder ob selbst das Experiment Sinn macht, die in der Moderne zum Ornament erhobene industrielle Produktion durch oekonomisch-abstrahierte, spielberechnende Erscheinungsformen und Scheinprojektionen zu ersetzen!

Im Nachwort von Learning von Las Veags steht der wundervolle Satz:

“Las Vegas – Die Stadt ist die der radikalsten architektonischen Realisierung des Ineinanders von Geld und Sinnenschein, die man auf dieser Erde wird finden können, ein gigantischer dekorierter Geldautomat in einer weissglänzenden, utopisch leuchtenden Wüstenlandschaft.”

Nach dieser Betrachtung und Beschreibung äusserer Charaktere bleibt uns wahrlich ein kommentierter Blick in die Innenwelten der Spielarchiotektur nicht erspart.
Was macht das Visuelle der in den letzten fünfzig Jahren herangewachsenen, künstlich ausgeleuchteten Spielhölle aus?

In seinem Essay “Toward more adventurous Playgrounds” schreibt David Kranes :
In ein Casino, in die Spielwelt zu gehen heisst erstmal, von der mühsamen Realität in eine Imagination einzutreten, von der Arbeit zum Spiel vom praktischen zum möglichen, vom Mundänen ins Extravagante. Vom bedingten ins vorbehaltlose…
Dies bedeutet schliesslich für Entrepreneurs:
“Create a casino; make people imagine!”.
Und so muss auf jeden Fall jedes Casino – zumindest im amerikanischen Sinne – eine Extravaganz sein.

Casino Lost; Casino Regained
Hinter die Tür sehen.
Das Casino wird als konstruierte illusionistische Welt erlebt.
Nur Disney’s Amusementparks trumpfen mit vergleichbaren Konzepten.
Die Notwendigkeit des Spiels muss durch die visuelle Erscheinung erzeugt werden und trotzdem: Eine Wiedererkennung muss jedem Besucher gewährleistet sein, oder besser: ein heimatliches Gefühl soll keinesfalls innerhalb einer solchen Fantasiewelt fehlen.
Und wie soll nun eine solche visuelle Welt bestückt sein, die nur zum Spielen da ist?
Kranes betont.:
“Hier müssen wir ansetzen, beim Gefühl des “Zu-Hause- sein”.
Jedoch bedeute dies eher die Vertrautheit und die Bündelung der damit verbundenen Energie, das Aufkommen eines befremdlichen Gefühls auf jeden Fall zu unterbinden, denn das wäre ja jedem Casino-Besitzer ein Greuel. Räume und Plätze müssen also diesen Devisen untergeordnet werden können . .
Doch die Verbindung von Raum und Vitalität und “esprit” ist keine Neuigkeit und auch keine Erfindung der letzten Jahrzehnte . Dies war und ist für alle bedeutend, für Stadtplaner, Theologen, Drehbuchautoren und Psychologen, Architekten und Biologen.
Da gibt es solche Räume , die uns beim Betreten mit Kraft erfüllen und emotional glücklich stimmen. Dann gibt es solche, die uns sämtlicher Energien berauben. Und so finden wir in Las Vegas auch Räume, die uns nicht grad zum Spiel animieren und solche, die tun es.
Niemand geht hinein und bleibt drin, wenn nicht von vorneherein eine Einführung in die gesamte Themenwelt, in welche man hineinschaut, den Weg weist. Die Casinos mit ihren Hotels sind so ausgelegt, dass man sich auch immer wieder im gesamten Raumwirrwar zurechtfinden kann.
Sicherlich liest man die Räume in unbewussten Ebenen. Und jeder Platz hat seine Lesbarkeit. In nicht so spielfreudigen Zeiten werden jene Casinos und Hotels überleben, deren Räume lesbar sind.
Dies ist ein Grund, warum viele Casinos nach Imitationen entworfen sind, also von sich aus keine Authentizität behaupten. Und solange diese Imitationen die Spieler nicht entmutigen, ist das gut.
“Ich kann,” so David Kranes,” in jedes Casino hineingehen und ich weiss sofort über seine Überlebenschance Bescheid!”.
In seinem Buch Homo Ludens bekräftigt Johan Huizinga, dass Spielen generell nicht alltäglich oder gewöhnlich sei. Spielen bedeutet “aus dem wirklichen Leben in eine kurzfristige Sphäre einzusteigen, in eine Sphäre von Aktivitäten ganz anderer Art.

Doch zurück zu Raum und Raumverständnis, wonach man sich am ehesten orientiert:
Dem sogenannten “Zuhause”, dem Heim…
Heim sei ironischerweise ein package deal von Tür und Raum, wo wir im Herzen hoffen, immer dorthin wegzugehen. Wir alle möchten uns eigentlich immer dahin bewegen, zu diesem Raum, der uns am meisten bekräftigt, Geborgenheit erwarten zu dürfen.
“At Home”, also zuhause fühlt man sich geerdet, in seinem eigenen Zentrum. Und dies wird durch die Abwesenheit sämtlicher störender Elemente unsere Umgebung ermöglicht.
Zitat von Gaston Bachelard:
“Die Tür ist der gesamte Kosmos zum Halboffenen. In der Tat, es ist eigentlich das ursprünglichste Bild, der Anfang des Tagtraums, mit welchem Wünsche und Versuchung angehäuft werden. Die Versuchung, die ultimative Tiefe des Seins zu öffnen. (Aus “Die Poesie des Raumes”).
So sind die Eingänge eine enorm wichtige Sache, vor allem für Casinos.
Das Pulsieren des dahinter Verborgenen muss entsprechend vermittelt werden, um das zu ermöglichen, dass die Besucher hineinströmen und sich im Menschenstrom wohlfühlen.
“Going with the flow”, hier von Kranes nicht nur als Modewort benutzt, sondern auch als Tatsache beschrieben: People in the flow are happy; they are connected. Menschen in der Menge sind stimuliert, sie haben ein Hochgefühl. Sie sind Lebensfroh. Sie sind Spieler! So formuliert sich eines der wichtigen Kriterien einer architektonischen Konstruktion, dass jene Leute, welche sich in den Casinoräumen Glück erhoffen und im Spiel aktiv werden, “im gesamten Strom schwimmen können!”

In der gesamten räumlichen Anlage spielen einzelne Elemente eine wichtige Rolle:

Die Kurven als eine eher abenteurliche “räumliche Entdeckungsreise” (vor allem im Mirage zu bewundern)

grüne Landschaften, als Imitationen, oder

Sonnenlicht, welches künstlich eine lebendige Athmosphäre verbreitet

Die Verständlichkeit und Lesbarkeit des Heims:
Es wird betont, dass Besucher wachsam auf Informationen foldender existentielle wichtiger Elemente achten: Orientierung, Verteidigung, Nahrung/Nährwert, Stimulation und Überleben/Survival.
So ist es bedeutend für sämtliche Architektur der Vergnügungs-und Entertainment-Industrie geworden, Sicherheit und Verständlichkeit dieser Elemente zu garantieren. Wenn wir sofort wissen, wo wir sind, wenn wir unsere Lieblingsnahrung vor uns haben, wenn wir durch die vermittelte Athmosphäre stimuliert sind und uns sicher fühlen, dann sind wir ganz positiv gestimmt und … spielen…

Aus diesen einfachen Kriterien – sicherlich lassen sie sich um einiges komplizierter formulieren und vor allem auch trickreicher darstellen – ergründen sich die Fantasiewelten im Innern eines Casinos.

Zitat:
“Ein Spielplatz kann bestückt werden, mit Spielzeug, und er bleibt doch nicht benutzt. Hingegen ist jener Spielplatz voll, welcher demjenigen, der eigentlich gar nicht spielen will, das gibt, was ihn zum Spieler macht.

In diesen Voraussetzungen und Bedingungen spüren wir die Tendenz, die Wirklichkeiten zu imitieren und zugänglich zu machen, in einem Las Vegas, was sicherlich im Wandel ist vom “criminal, adventurous playground, a little bit forbidden” zum”family tour event”.

Die Imitation als ultimative Lösung
Wie weit kann sich für die Scheinwelt zur Spielwirklichkeit und die Scheinwirklichkeit zur Spielwelt entwickeln?
Mit dieser Frage scheinen wir uns konfrontieren zu müssen, wenn wir die neuesten Extravaganzen von Las Vegas betrachten.

in Adornos Minima Moralia ist zu lesen: “Die Unechtheit des Echten rührt daher, daß es in der vom Tausch beherrschten Gesellschaft prätendieren muß, das zu sein, wofür es einsteht, ohne es doch je sein zu können.”

Das Original schlägt zurück, weil der Wandel des Publikums es verlangt, weil das gambling vom Familienausflug überrundet wurde.
Und so wurde das jüngste Casino, das Venetian Palace, im Oktober 2001 mit einer legendären Schau von Originalwerken aus der Eremitage in St.Petersburg, eröffnet. Picasso, Matisse neben einer Motorradschau, womit sich die Guggenheim Foundation so hellhörig durch Thomas Krens, personifiziert, dem Schefmanager der Stiftung, in Las Vegas vorstellte.
Lernen von Las Vegas, wie Venturi, nun zum zweiten Mal …und es geht um die Kollision von Kunst und Kitsch – Mottorad und Matisse. Und alle tun einander gut. Zumindest wird dies behauptet. Doch jede Behauptung hat auch Sinn in der Selbstverständlichkeit ihrer schlicht provokanten Existenz. Es geht um die Rollenverteilung von echt und falsch, das Spiel mit der Authentizität am Ort der Simulation, um eine neue Klimax in der Stadt der Superlative, und des sitilistisch alles möglichen..
Rem Kollhaas hat den Venetian Palace entworfen (auch er wollte diesem Abenteuer der neuen Vermischung nicht entrinnen!?). Er hat ein Schmuckkästchen als Museum hinter die Fassade des Venetianischen Nachahmungs-Glücks gesetzt, mit Musik von Vivaldi und Canale Grande. Ein eingebauter schlichter überdimensionierter Würfel als letzter Wurf modernistischer Tradition authentischer, zeitgenössischer Kunstpräsentation. Der neuere Schrei der Kunst und Imitationswelt in Las Vegas nach dem Clue von damals, den 60ern, dem Caesars-Palace mit seinen römischen Statuen und dem Himmelszelt, welches damals schon gleicherweise im inneren Spielautomaten, Skulpturen, Säulen und Läden vor einem imitierten Brunnen des Piazza Navona vermischte. Und dieser bildete nur die Vorstufe zu dem vor einigen Jahren eingeweihten Luxor, mit Sphinx als Eingangsportal, Nilbarke und der gigantischen schwarzen Pyramide, von deren Spitze der wohl stärkste Scheinwerfer das gesamte Tal von Las Vegas auszuleuchten scheint.

4
Prof.Dr.Albrecht Irle:
Internet-Casino – Regulierung

5
Spielpause

6
Prof.Dr.Albrecht Irle:
Analytische Bemerkung

7
Prof.Hannes Brunner:
Proposal:

Das Forschungsprojekt beabischtigt, Verbindungen zwischen der Mathematik des Glückspiels und der Geometrie der Lichtprojektion zu erkunden.
Was sich (in Las Vegas) als eine unternehmerische Welt der Spiel-Ökonomie mit Chancen (sorgfältig kontrolliert durch Marktstrategien) präsentiert, ist gleichzeitig abhängig von “Zutaten”, die es einmal zu gestalten, zu kreieren und zu entwerfen galt. Das Forschungsprojekt beabsichtigt, dies in und aus der Strategie und der Berechnungsmöglichkeit des Glückspiel zu entwickeln, welches durch Formeln verabreicht wird. Abwägig ist diese Herangehensweise nicht, wenn man bedenkt, wie sich die Moderne aus dem Vokabular einer industriellen Produktion bediente. Warum sich also nicht aus der ökonomischen Wirklichkeit einer spekulativen Spielwelt bedienen? Und wieviel mehr hat sie nicht mit den Tatsachen einer völlig abstrahierten, jedoch uns allen verständlichen Raumvorstellung zu tun?